Der Bockreiter von Stokkem
Im achtzehnten Jahrhundert zogen die Bockreiter wie ein Schatten durch das Maastal. Sie brachen in Bauernhofe und Kirchen ein, stahlen, was sie tragen konnten, und hinterließen eine Spur der Angst. Wer zu ihnen gehörte, schwieg. Wer sich weigerte, verschwand. In Stokkem, einem Weiler an der Maas, der heute zu Maasmechelen gehört, wurde dieses Schicksal zur Geschichte eines Mannes — eines Urgroßvaters, dessen Name verloren ging, aber dessen Tod nicht vergessen wurde.
1 Die Kirmes von Stokkem
Es war Kirmes in Stokkem und die Gasthäuser waren voll. Der Urgroßvater — ein braver Mann, so erzählte sein Enkel später — stand an der Theke, als ein Fremder neben ihn trat. Der Mann trug einen dunklen Mantel und sprach mit einem Akzent, der nicht von hier war. Nach ein paar Gläsern Bier kam er zur Sache: ob der Urgroßvater Mitglied der Bockreiter werden wolle.
Es war keine harmlose Anfrage. Jeder wusste, dass, wer ja sagte, bis zum Tod gebunden war — und dass, wer nein sagte, ein gefährliches Geheimnis mit sich trug. Der Urgroßvater sah den Fremden an und sagte: «Bei solchen Räubern, bei solchen Raubmördern, da will ich nicht dabei sein.»
2 Der Preis der Weigerung
Der Fremde sagte nichts. Er legte eine Münze auf die Theke, trank sein Bier aus und verließ das Gasthaus, ohne sich umzudrehen. Der Urgroßvater dachte nicht mehr daran — bis eine Woche später. An einem Abend, als er von seinem Feld zum Haus am Maasufer zurückkehrte, hörte er das Geräusch von Hufen hinter sich auf dem Sandweg.
Er beschleunigte seinen Schritt, aber die Hufe kamen näher. Als er sich umdrehte, sah er drei Männer zu Pferd, ihre Gesichter mit schwarzen Tüchern bedeckt. Sie sagten kein Wort. Der Vorderste hob einen Knüppel und schlug zu. Der Urgroßvater fiel auf den Weg und stand nicht mehr auf.
3 Die Stille danach
Sein Leichnam wurde am nächsten Morgen von einem Nachbarn gefunden, der seine Kühe auf die Weide trieb. Es wurde keine Untersuchung eingeleitet — der Schultheiß wusste ebenso gut wie alle anderen, wer dahintersteckte, doch niemand wagte es auszusprechen. Die Bockreiter hatten das Gesetz in der Hand, und das Gesetz ließ sie gewähren.
Erst Generationen später erzählte der Enkel die Geschichte — vorsichtig, mit gedämpfter Stimme, als hörte die Bande immer noch mit. «Mein Großvater sagte immer,» so endete er, «dass es das einzig Richtige war, was dieser Mann je getan hatte. Er hatte nein gesagt. Und das hatte ihn sein Leben gekostet.»
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