Die Milchhäxin von Wervik
In Wervik, einer ruhigen Stadt an der Leie, lebte eine Bäuerin, die alles hatte, wovon eine Mutter träumt — einen wohlhabenden Bauernhof, gutes Land, und vor allem eine lebendige zweijährige Töchter. Aber eines Tages brachte eine fremde Besucherin alles Glück in Gefahr: eine Frau, die täglich Milch holte, aber mit bösem Blick kam.
1 Seltsamer Gast
Es begann alles sehr harmlos. Eine Frau aus dem Dorf — niemand kannte sie sehr gut — kam eines Tages zum Bauernhof. Sie habe Hunger, sagte sie, und wolle gerne Milch kaufen. Sie blieb nicht lange, zahlte sofort und verheiß, bald wiederzukommen.
Und tatsächlich: Am nächsten Tag war sie wieder da. Und am Tag danach. Bald kam sie jeden Tag zur gleichen Zeit, immer für die gleiche Menge: zwei Liter und einen halben Liter Milch. Sie nahm sie in einem Krug mit, zahlte ohne zu murren und verschwand die Dorfstraße hinunter.
Die Bäuerin fand es seltsam, aber nicht unge wöhnlich. Arme Frauen kamen manchmal vorbei, um Milch oder anderes Essen zu kaufen. Und doch spürte sie etwas Unheim liches an dieser Besucherin. Die Frau hatte einen eigenartigen Blick, als sähe sie nicht wirklich auf die Milch, sondern durch alles hindurch. Und vor allem die Art, wie sie das kleine Mädchen anschaute — das missfiel der Mutter zutiefst.
2 Der Fluch
Das Kind begann zu verändern, auf eine Weise, die keine Mutter übersehen kann. Das zweijährige Mädchen, das normalerweise vögelchenhaft piepste und spielte, wurde immer stiller. Es aß nicht mehr. Es trank nicht mehr. Nachts schlief es kaum, und wenn es schlief, war es mit unruhigem, von Ängstlichkeit erfülltem Schlaf.
Die Bäuerin versuchte alles. Warme Speisen, kalte Milch, süße Äpfel, saftige Birnen — das Kind weiß alles ab. Der Arzt aus dem Dorf kam, untersuchte das Mädchen sorgfältig und schüttelte den Kopf. ‘Es ist nichts Sichtbares falsch’, sagte er, ‘kein Fieber, keine Wunden, keine Krankheiten, die ich erkennen kann. Und doch bin ich mir sicher, dass etwas... Unsichtbares an ihr nagt.’
Und dann geschah das Entsetzlichste: In einer Nacht, als die Bäuerin neben dem Kind im Bett lag, geschah etwas Unglaubliches. Das Mädchen begann zu schweben. Nicht viel — etwa einen halben Meter hoch — aber genug, um die Mutter zu pürchteglichem Entsetzen zu bringen. Der Körper des Kindes, der von der Abmagerung leicht wie eine Feder geworden war, schwebte in der Dunkelheit, zitternd zwischen Himmel und Erde.
Das war der Moment, in dem die Bäuerin wußte, dass dies nicht einfach nur eine Krankheit war. Das war Zauberwerk.
3 Die Kartenlegerin
Ein Tabakladen händler aus Wervik, dessen Sohn etwa sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre alt war, hatte ebenfalls ein seltsames Erlebnis gehabt. Eines Tages hatte dieselbe mysteriöse Frau seinen Sohn auf die Schulter geschlagen — nicht rau, sondern mit einer bestimmten Vertraulichkeit, als kännte sie ihn sehr gut. Zwei Wochen später war der Sohn völlig verändert. Er sprach Kauderwelsch. Wörter, die niemand verstand, in Reihenfolgen, die keine Logik hatten. Es war, als hätte jemand eine andere Person unter seinem Schädel eingefügt.
Der Tabakladen händler, verzweifelt und ratlos, ging zu einer Kartenlegerin in Wervik — eine alte Frau, die dem Dorf nach viel weiter sehen konnte als normale Menschen. Die Kartenlegerin hatte Karten gelegt, hatte dem Mann zugehört, und hatte dann gesagt: ‘Du hast einen Sohn, der nicht ganz bei Verstand ist. Etwas klebt an ihm — etwas, das dort nicht hingehört. Ein Fluch. Ein böser Einfluss. Es gibt eine Frau, die ihn verhäxelt hat.’
Die Bäuerin, die diese Geschichte als so viel Dorfgered gehört hatte, rief selbst die Kartenlegerin auf. Die alte Frau kam, erblickte das kranke Kind, roch die Angst in der Luft, und sprach dieselben Worte: ‘Dieses Kind ist verhäxelt. Es gibt eine Frau. Ich weiß nicht, wer, aber ich spüre ihre Bösartigkeit, ihre krumme Magie, ihren grauenvollen Blick. Du musst vorsichtig sein. Diese Häxin folgt deinem Kind nicht einfach aus Gleichgültigkeit nach.’
4 Die Wahrheit enthüllt
Die Bäuerin begann schärfer zu beobachten. Sie beobachtete jeden Besucher, jeden Ton, jeden Blick. Und dann, eines Tages, sah sie etwas, das ihr alles klar machte. Die Frau, die Milch holte — sie war es. Jedes Mal, wenn sie auf das Kind blickte, glitt etwas Düsteres über ihr Gesicht. Als käme sie nicht für Milch, sondern für etwas viel Dunkleres: die Lebenskraft des Kindes.
In einer verzweifelten Handlung des Schutzes beschloss die Bäuerin, Maßnahmen zu ergreifen. Sie legte fortan Kräuter unter die Tür, sang Schutzlieder, und spürte sich stärker werden. Aber der wahre Moment kam, als die Bäuerin beschloss, sich der Frau direkt zu widersprechen.
Am nächsten Tag, als die Milch häxin — denn so nannte die Bäuerin sie nun innerlich — vorbeikam, tat die Bäuerin das Unerwartete. Statt nur Milch zu geben, sprach sie kräftige Worte: ‘Du hast lange genug von meinem Kind profitiert. Das endet hier. Jetzt geh weg, und du kommst nie wieder zurück.’ Die Frau wurde bleich, sagte nichts und zog sich zurück.
Am nächsten Tag kam sie nicht. Am Tag danach auch nicht. Wochen vergingen — kein Zeichen der Milchhäxin. Und langsam, wie Wasser, das wieder zu fließen beginnt, begann das Kind wieder zu leben. Es aß wieder. Es trank wieder. Es spielte wieder.
Aber die Narben blieben. Selbst als das Mädchen größer wurde — zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre später — begann sie zu zittern und zu weinen, wenn sie die Frau sah. ‘Es gibt da eine Zauberin!’ rief sie dann aus, obwohl niemand ihr je erzählt hatte, was in ihrem kleinen Körper geschehen war. Das Kind erinnerte sich nicht an was, aber ihre Seele erinnerte sich an alles.
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