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Herbeumont, Luxemburg

Der Westliche Lipaipire

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Während der östliche Lipaipire hart und dunkel steht, starrend in Gier, beugt sich sein Zwillingsbruder von der anderen Seite der Semois zu ihm. Dies ist der westliche Lipaipire, der Stein der Großherzigkeit—und doch ist auch dieser Felsen verflücht. Denn Thierry war kein schuldiger Mann, und dennoch wurde er bestraft zusammen mit seinem Bruder, verdammt zur Ewigkeit in dieser einsamener Form, für immer zu seinem ungerecht verdammten Bruder erreichend.

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1 Der Sanfte Bruder

Thierry war schon immer anders als sein Halbbruder Gaston. Während sich Gastons Herz schloss und verhärtete wie Stein, blieb Thierrys Geist offen und mild. Schon als Kind, als Gaston andere Jungen um Spielzeug beraubte, teilte Thierry seinen Anteil. Die alten weisen Frauen von Herbeumont sagten, dass Thierry das Blut seiner Mutter trug, die aus dem Norden gekommen war, als eine Frau voller Geheimnisse und seltsamer Kräfte. Thierry besass diese Kräfte nicht—oder vielleicht doch, aber sie zeigten sich nicht in Macht, sondern in verstehendem Schweigen, in Taten der Uneigennützigkeit. Er war ein Junge, der lieber anderen half, als sich selbst zu bereichern. Als die Erbschaftsfrage entstand, weigerte sich Thierry sogar zu protestieren. “Ich liebe meinen Bruder,” sagte er einfach. “Wenn das ihn glücklich macht, akzeptiere ich es.” Aber seine Mutter hörte es anders.

2 Verdammt durch Unschuldige Liebe

Thierry stand draußen, als der Fluch ausgesprochen wurde. Er hörte die Worte seiner Mutter durch die Mauer des Hauses dringen, heisse Worte in jener alten Ardennen-Sprache, die das Blut gefrieren lässt. Er spürte, wie das Erdwasser unter seinen Fußen zu zittern begann. Mit mitleidigem Herzen rannte er hinein, hoffnungsvoll seinen Bruder zu retten, oder zumindest ihn nicht allein in seiner Bestrafung zu lassen. Dies war seine falsche Wahl. Der Fluch war nicht nur für den Schuldigen, sondern für jeden, der sich daran wagte festzuhalten. Als Thierry seinen Bruder berührte, spürte er, wie sich die Umwandlung über ihn stürzte. Aber während Gastons Körper sich schloss und wie Eisen verhärtete, spürte Thierry etwas anderes: nicht Schmerz, sondern eine Art transzendentale Klarheit. Sein Körper wurde zu Stein, ja, aber zu Stein, der lebt, Stein, der fühlt, Stein, der noch immer von Liebe spricht.

3 Die Ewige Erreichungsgeste

So stehen sie nun, zwei Brüder auf beiden Seiten der Semois. Gaston steht hart und unbewegt im Osten, sein Gesicht für immer zur Erde geneigt, seine Augen voller Reue über das, was er nicht rückgängig machen kann. Aber Thierry steht im Westen, und wunderbar—sein Stein beugt sich. Jedes Jahrhundert, gleichsam wie ein Atemzug, neigt er sich weiter nach Osten, als ob er versucht, die Entfernung zu überbrücken. Seine Form ist flüssiger, weniger endgültig. Blumen wächsen um seinen Fuß, und Vögel nisten sich in den Rissen seines Steins ein. Die Einheimischen sagen, dass an bestimmten Abenden, wenn das Licht des untergehenden Lichts sanft ist, Thierrys Stein mit einem sanften, goldenen Glanz zu glühen scheint—der Glanz eines empfänglichen Herzens. Viele sagen, dass Thierry noch immer versucht, seinen Bruder zu erreichen, noch immer versucht, ihm zu sagen, dass alles vergeben ist, dass die Liebe stärker ist als Gier. Und im stillen Wasser der Semois spiegeln sich die zwei Felsen gegenseitig, während sie für immer voneinander getrennt bleiben, zwei Denkmäler menschlicher Wahl: der eine hart und verdammt, der andere sanft und errettend, jeder auf ihre eigene Weise für immer verloren.

Quelle: Legende des Semois-Tals
Wusstest du? Im Gegensatz zum östlichen Stein verfügt der westliche Lipaipire über mehr Flora: Efeu wächst reichlich an seinen Seiten, und im Frühjahr blühen Wildblumen an seinem Fuße. Dies deutet auf die biologische Vielfalt des Semois-Tals und die mineralischen Unterschiede zwischen den beiden Steinblöcken hin.
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