Opsinjoorke
Auf dem Großen Markt von Mechelen, unter dem wachsamen Turm von Sankt Rombout, fliegt bis heute eine hölzerne Figur durch die Luft. Opsinjoorke ist weder Ritter noch Heiliger, sondern ein Sinnbild für Gerechtigkeit und Selbstironie.
1 Die Geburt eines hölzernen Sünders
1647 schnitzte Valentyn van Lanscroon eine Figur mit überzeichneten Zügen: einen Trunkenbold, einen Streithansel, einen gewalttätigen Ehemann. Die Stadt schuf sich damit ein sichtbares Zeichen moralischer Missbilligung.
Bei Festumzügen wurde er auf ein Tuch gelegt und hoch in die Luft geworfen — eine öffentliche Zurechtweisung ohne Blut, eine Lehre im Gewand des Spektakels.
2 Der Sturz von 1775
Am 4. Juli 1775 verfehlte die Figur das Tuch und stürzte in die Menge. Ein Mann aus Antwerpen, ein “Sinjoor”, hob die Arme zu seinem Schutz.
Man hielt ihn für einen Dieb und vertrieb ihn gewaltsam. Seitdem trägt die Figur den Namen Opsinjoorke — „auf den Sinjoor“ — eine Anekdote, die die Zeiten überdauerte.
3 Vom Pranger zum Wahrzeichen
Aus sozialer Kritik wurde ein Symbol städtischer Identität. Opsinjoorke überstand Revolutionen und Besetzungen.
Heute wird er weiterhin geworfen, nun als Tradition. Eine Bronzestatue auf dem Großen Markt hält seinen Flug für die Ewigkeit fest.
4 Was die Luft bewahrt
Sein Flug war einst Mahnung und Moralpredigt. Mit der Zeit wurde er Folklore und schließlich Kulturerbe.
Wenn die Glocken von Mechelen erklingen, scheint die Stadt sich zu erinnern: Opsinjoorke fällt — doch er wird stets wieder aufgefangen.
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