Der Bacchusaltar im Rhein bei Bacharach
Bacharach liegt am linken Rheinufer im Oberen Mittelrheintal zwischen Bingen und Sankt Goar. Über dem Städtchen steht die Burg Stahleck; unten, im Strom selbst, lag jahrhundertelang ein Felsen, den man den Bacchusaltar nannte. Er zeigte sich selten — nur wenn das Wasser so tief stand, dass der Rhein seinen eigenen Grund preisgab. Und wer ihn sah, sagten die Winzer, durfte in jenem Jahr ein Fass mehr bereitstellen.
1 Der Stein, den niemand gesetzt hatte
Vor Bacharach macht der Rhein eine Biegung, und in dieser Biegung lag eine Gruppe von Klippen, die die Schiffer fürchteten. Die größte hieß Elterstein oder Altarstein, und im 19. Jahrhundert nannten die Gelehrten sie Ara Bacchi — Altar des Bacchus. Das Gerücht wollte, dass römische Soldaten dort dem Gott des Weines geopfert hätten, auf einem Block, den niemand behauen hatte und der doch die Form eines Tisches trug.
Der Stadtname sollte den Beweis liefern. Bacharach, so schloss man, sei nichts anderes als das lateinische «Bacchi ara»: der Altar des Bacchus. Es klang gut, es klang alt, und es passte zu einer Stadt, die vom Wein lebte. Sprachlich stimmt daran nichts. Die älteste überlieferte Namensform ist «Baccaracus», und die deutet auf einen keltischen Ursprung hin, lange bevor ein Römer oder ein Bacchus an den Rhein kam. Die Volksetymologie ist ein schöner Irrtum geblieben — und gerade sie hat die Sage am Leben erhalten.
Denn der Felsen tat, was gewöhnliche Steine nicht tun: er verschwand. Fast das ganze Jahr lag er unter Wasser. Nur bei sehr niedrigem Pegel ragte sein Kopf aus dem Strom, grau und glatt, und dann lief die halbe Stadt ans Ufer, um zu schauen.
2 Das Zeichen des niedrigen Rheins
Was die Bacharacher sahen, wenn der Stein auftauchte, war kein Unglück, sondern ein Versprechen. Ein Sommer, der den Rhein so weit sinken ließ, sagten sie, sei ein Sommer der Sonne; und ein Sommer der Sonne bedeute reife Trauben an den Schieferhängen des Steeger Tales. Erscheint der Altar, so schenkt Bacchus ein. Die alten Lexika des 19. Jahrhunderts notieren es nüchtern: der Felsen galt als Vorzeichen für eine gute Weinernte.
Die Stadt hatte Grund, darauf zu warten. Bacharach war im späten Mittelalter die wichtigste Umladestation für den Weinhandel am Rhein. Stromabwärts lag das Binger Loch, eine Felsschwelle, die nur kleinere Schiffe passieren konnten; hier wurden die Fässer aus diesen kleinen Schiffen auf größere verladen. Von da an trug der Wein die Bezeichnung «Bacharacher» — und das war weniger eine Herkunft als ein Gütesiegel. Wein aus einer ganzen Reihe von Dörfern erhielt den Namen der Stadt, in der er das Schiff wechselte.
1356 erhielt Bacharach die Stadtrechte. Ab 1344 wurde an der Stadtmauer gebaut, die um 1400 vollendet war; auch der Holzhandel aus dem Hunsrück zahlte an den Türmen mit. Und jedes Mal, wenn das Wasser fiel und jener graue Kopf im Strom erschien, wussten die Kellerknechte, dass zusätzliche Fässer gebunden werden mussten.
3 Das Jahr, in dem der Altar verschwand
1840 stand Victor Hugo an diesem Ufer. Er notierte, man sehe hier einen Felsen aus dem Wasser ragen, der nach einigen vulkanischen Ursprungs sei, nach anderen eine keltische Opferstätte, und nach wieder anderen ein römischer Altar, die ara Bacchi. Hugo entschied sich nicht. Über die Stadt selbst schrieb er, Bacharach sei wohl der älteste von Menschen bewohnte Ort, den er in seinem Leben gesehen habe.
Zehn Jahre später war der Altar nicht mehr da. Bei der Rheinregulierung von 1850 ließ die preußische Strombauverwaltung die Klippenreihe vor Bacharach wegsprengen, weil die Untiefen verstreut in der Fahrrinne lagen und die Schifffahrt gefährdeten. Neununddreißig Kubikmeter Stein verschwanden in jenem einen Jahr; zwischen 1864 und 1866 wurden mit einem Taucherschacht weitere fünfundsiebzig Kubikmeter abgeräumt. Seither kann das Wasser so tief stehen, wie es will: das Zeichen kommt nicht mehr.
Was blieb, steht über der Stadt. Die Burg Stahleck, erstmals 1120/21 erwähnt und Ende des 11. oder zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtet, war der Sitz des Pfalzgrafen Hermann von Stahleck, der 1142 die Pfalzgrafschaft bei Rhein erhielt. 1689 sprengten französische Truppen die Burg. Ab 1925 wurde die Ruine nach Plänen von Ernst Stahl wiederaufgebaut, und im Juni 1926 eröffnete dort eine Jugendherberge, die es bis heute gibt. Seit 2002 ist das Obere Mittelrheintal Welterbe. Der Wein heißt immer noch Bacharacher — nur der Stein, der ankündigte, wann er gut werden würde, liegt als Schotter unter der Fahrrinne.
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