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Waren (Müritz), Mecklenburg-Vorpommern / Mecklenburgische Seenplatte

Der Bernstein in der Müritz

Tier 0+ - Publiek 4 min Sage
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Vor der Stadt Waren, im Norden der Müritz, ruht in der Tiefe ein Bernstein, so gross wie ein Haus und von seltener Reinheit und Durchsichtigkeit. Kein Menschenauge hat ihn je gesehen, und wohl wird es ihn auch nie erschauen, denn Tag und Nacht wird er auf das Sorgsamste von einer Nixe bewacht. Tief unten auf dem feuchten Seegrund wohnt sie in einem Haus aus lauter kleinen Bernsteinstücken, und dort hütet die Seejungfer den herrlichsten Schatz des Landes vor den Blicken der habsüchtigen Menschen.

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1 Der See und die Stadt

Die Müritz, deren Name aus dem Slawischen stammt und kleines Meer bedeutet, ist mit ihren 117 Quadratkilometern der grösste See, der vollständig in Deutschland liegt. An ihrem Nordufer liegt Waren, wo sich die Binnenmüritz zur tiefsten Stelle des Sees senkt, mehr als dreissig Meter hinab. Die Stadt ging im frühen dreizehnten Jahrhundert aus einer slawischen Siedlung hervor, war acht Jahrzehnte lang die Residenz der Fürsten von Werle und trug schon im Mittelalter das Stadtrecht. Wer hier lebte, lebte vom Wasser: von der Fischerei, vom Hafen und von den Kähnen, die über den weiten See zogen.

Die Fischer und Schiffer von Waren kannten jede Untiefe und jede Bucht. Sie wussten, wo der Grund abfiel und wo die Netze hielten, und sie wussten auch von einer Stelle, die man besser mied. Nicht wegen eines Riffs oder einer Strömung, sondern wegen dessen, was dort unten wohnte. Denn die Müritz wirft, so hiess es, an ihren nördlichen Ufern bei Waren zuweilen kleine Stücke Bernstein aus, und wo der Bernstein ans Ufer kam, dort war die Hüterin nicht weit.

2 Die Hüterin des Bernsteins

Einer der grössten und herrlichsten Bernsteine der Welt, so erzählt die alte Sage, ruht im tiefen Schosse der Müritz. Um ihm stets nahe zu sein, hat sich die Nixe unten auf dem Seegrund ihre Wohnung erbaut, aus lauter kleinen Bernsteinstücken kunstvoll zusammengefügt. Ihre Schwestern, die Seejungfern aus den anderen Teilen der Müritz und den umliegenden Gewässern, halfen ihr in alten Zeiten dabei. Sie trugen die grössten und klarsten Stücke aus allen Ecken des Sees zusammen und fügten daraus einen prächtigen Palast.

Seit jener Zeit bewacht die Hüterin ihren Schatz mit ängstlicher Aufmerksamkeit. In ihrem durchsichtigen Haus verbirgt sie das unschätzbare Gut vor den Augen der Menschen, die es nur begehren, um es zu besitzen. Niemand darf sich ihrer Wohnung ungestraft nähern, und jeder, der den See kennt, sucht ihr Gebiet zu meiden und hütet sich, dahin zu geraten.

Wo genau der Bernstein liegt, weiss keiner zu sagen. Man kennt wohl ungefähr die Gegend, doch die Stelle selbst bleibt verborgen, so gut, dass in all den Jahrhunderten kein Auge sie gefunden hat. Darin liegt der Sinn der Sage: der schönste Schatz des Landes liegt zum Greifen nah und bleibt doch für immer unerreichbar, weil eine treue Wächterin ihn niemals aus den Händen gibt.

3 Der angebannte Kahn

Wer sich dennoch, ohne es zu wissen, ihrem Palaste nähert, den ergreift sie. Zuweilen hört man, wie auf hoher Müritz ein Kahn mit einem Male festsass, als sei er angebannt, und weder vor noch zurück konnte. Mit unsichtbaren Fingern hält die Nixe ihn fest und ängstigt die Menschen darin, bis diese nach langem Mühen, nach vielem Bitten, Beten und Weinen, schweisstriefend und todesmatt endlich wieder freikommen. Sie dürfen von grossem Glück sagen, mit dem blossen Schrecken davongekommen zu sein.

Dem Verwegenen aber, der wissend über ihr Gebiet fährt, ergeht es schlimmer. Ihn ergreift sie sogleich und zieht ihn hinab ins schaurige Wellengrab. Darum meiden die Fischer die Stelle, und die Erfahrenen, die auf dem Wasser Bescheid wissen, werden nur selten von ihr belästigt. Es sind die Ortsfremden, die ohne Absicht in ihre Nähe geraten, und noch vor wenigen Jahren, so erzählte man sich im neunzehnten Jahrhundert, sei es einer lustfahrenden Gesellschaft auf der Müritz genau so ergangen.

Heute ziehen Ausflugsschiffe und Segler sicher über die weite Fläche der Müritz, und im Müritzeum an der Steinmole in Waren lernt man die Natur des grossen Sees kennen, vom kleinsten Fisch bis zur Eiszeit, die ihn einst schuf. Doch der Bernstein bleibt, wo er ist, unten im Dunkeln, bewacht von seiner Nixe. Kein Taucher, kein Netz und kein Menschenauge hat ihn je erreicht, und die Müritz hütet ihr Geheimnis so treu wie am ersten Tag.

Quelle: A. Niederhöffer, Mecklenburgs Volkssagen, Band 3, 1860; de.wikipedia zu Waren und zur Müritz.
Wusstest du? Die Sage stammt aus Mecklenburgs Volkssagen, die A. Niederhöffer 1860 sammelte. Der Name Müritz kommt aus dem Slawischen und bedeutet kleines Meer. Mit 117 Quadratkilometern ist sie der grösste ganz in Deutschland liegende See, und bei Waren erreicht sie mit über dreissig Metern ihre tiefste Stelle.
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