Der Domnapf zu Speyer
Vor der Westfassade des Speyerer Doms steht eine riesige steinerne Schale: der Domnapf. Er wirkt wie ein trockengefallener Brunnen, war aber jahrhundertelang ein Grenzmal. Genau entlang seines Randes verlief die Scheidung zwischen dem bischöflichen Dombezirk und dem Rechtsgebiet der Freien Reichsstadt. Wer um die Schale herumging, wechselte das Recht. Und wer Wein aus ihr trank, feierte, dass Stadt und Bischof sich für einen Augenblick einig waren.
1 Die Schale auf der Grenze
In seiner heutigen Gestalt stammt der Domnapf von 1490. Ein flacher Sandsteinkelch von gut zwei Metern Durchmesser, auf einem achteckigen Podest ruhend, von niedrigen Säulchen umringt und von einem Bronzeband mit lateinischer Inschrift gefasst. Die Wappen des Bischofs und des Domkapitels stehen darauf. Schriftlich taucht die Schale schon 1314 auf; die Stadttradition setzt einen Vorgänger um 1294 an.
Der Domnapf war keine Zierde. Er war ein Rechtszeichen, so hart wie ein Grenzstein im Acker. Auf der Domseite galt das bischöfliche Recht der Domimmunität; jenseits begann das Stadtrecht der Freien Reichsstadt Speyer. Zwei Gerichte, zwei Strafbücher, und dazwischen nichts als der runde Rand einer Schale.
Das machte den Ort gefährlich und kostbar zugleich. Ein Schuldner, ein Dieb oder ein entlaufener Knecht konnte in fünf Schritten aus einer Welt in die andere gelangen. Die Bürger wussten es, die Domherren wussten es, und beide Seiten behielten die Schale scharf im Auge.
2 1580 Liter für den neuen Bischof
Der bekannteste Brauch um die Schale ist gut belegt. Bei seinem feierlichen Einzug musste ein neugewählter Bischof den Domnapf bis zum Rand mit Wein füllen lassen. Die Schale fasst 1580 Liter. Sobald sie voll war, durfte die Bürgerschaft frei trinken, solange der Vorrat reichte.
Das war keine milde Laune des Kirchenfürsten, sondern ein Preis. Die Stadt ließ sich ihre Anerkennung des neuen Herrn in Wein bezahlen, öffentlich, vor aller Augen. Die letzte Füllung aus der Zeit des Fürstbistums fand im Januar 1611 statt, für Philipp Christoph von Sötern.
Nach 1871 wurde der Brauch wieder aufgenommen, nun als städtisches Fest. Zwischen 1930 und 2011 lief die Schale fünfzehnmal voll: bei Bischofsweihen, beim Papstbesuch 1987 und beim Stadtjubiläum 1990. Die Rechnung geht heute an wohltätige Zwecke.
3 Zuflucht, Pranger und Kaisergräber
Um diese harte Grenze wuchs der Asylgedanke. Wer flüchtig war und den Domnapf erreichte, stand nach der Überlieferung auf städtischem Boden und war damit der bischöflichen Gerichtsbarkeit entzogen. In Speyer wird die Geschichte auch genau umgekehrt erzählt: der Flüchtling kletterte gerade in die Schale, um unter die milderen kirchlichen Strafen zu fallen. Beide Lesarten leben nebeneinander; sicher ist allein die Grenze selbst.
Ebenso hartnäckig ist die Geschichte von den Bäckern. Wer zu leichtes Brot buk, sei in einem Korb über die Schale gehievt und darin eingetaucht worden, zur Belustigung des Volkes. Für diese Tunkstrafe gibt es kein Archivstück; sie ist spätere Überlieferung. Dass an diesem Platz öffentliche Ehrenstrafen vollzogen wurden, mit dem Schandstein am Hals und der Menge ringsum, ist dagegen bezeugt.
Hinter der Schale ragt der Grund auf, warum dieser Platz so viel Recht trug. Der Speyerer Dom ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt, gut 134 Meter lang, unter Kaiser Konrad II. um 1025 begonnen und seit 1981 UNESCO-Welterbe. In der Krypta ruhen acht Kaiser und Könige, Salier und Staufer und ihre Nachfolger, dazu vier Kaiserinnen. Unter ihnen Heinrich IV., der 1077 als Büßer nach Canossa zog; nach seinem Tod 1106 lag sein Sarg fast fünf Jahre in der Afrakapelle, ehe er 1111 doch neben seinem Vater beigesetzt wurde. Wer heute an der leeren Schale vorbeigeht, steht auf der Naht zwischen zwei Mächten, die sich hier jahrhundertelang die Waage hielten.
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