Der Teufel vom Kalkberg
Mitten im flachen Holstein, wo das Land in sanften Wellen zum Horizont läuft, steht bei Bad Segeberg ein Fels, der dort nicht hinzugehören scheint: der Kalkberg, ein heller Klotz aus Gips und Anhydrit, einundneunzig Meter hoch. Weit und breit gibt es nichts, das ihm gliche. Die Leute wussten lange keine natürliche Erklärung für ihn, und so erzählten sie, der Teufel selbst habe ihn hier fallen lassen. Er hatte, sagt die Sage, das schöne Plöner Land beneidet und in blindem Zorn seinen silbernen Hammer geschleudert.
1 Der Neid des Teufels
Von der Höhe des Segeberger Felsens, so erzählt man, blickte der Teufel eines Abends nach Osten, dorthin, wo das Plöner Land liegt. Er sah die vielen Seen im Abendlicht liegen, die grünen Hügel, das Schloss auf seinem Berg, und er sah die Menschen, die dort in Frieden und Wohlstand lebten. Ihre Gottesfurcht und ihr Glück ärgerten ihn bis ins Mark. Warum, dachte er, sollte ein solches Land so schön sein und ihm doch nichts davon gehören.
Der Neid liess ihm keine Ruhe. Er beschloss, die ganze Herrlichkeit zu zerschlagen und das Land unter Steinen und Wasser zu begraben. Auf den Kalkberg stellte er sich, den höchsten Punkt weit und breit, holte mit seinem schweren silbernen Hammer weit aus und zielte hinüber nach Plön. Ein einziger Wurf, dachte er, und von der ganzen Pracht bliebe nichts zurück als ein Trichter voll Schlamm.
2 Der silberne Hammer
Mit aller Kraft schleuderte er den Hammer durch die Nacht. Doch der Wurf geriet ihm nicht, wie er gedacht hatte. Das Eisen löste sich vom Stiel und flog an seinem Ziel vorbei, so dass es weit drüben niederfuhr, das eine Stück bei Pehmen am Plöner See, das andere beim Gut Seedorf. Wo der Hammer einschlug, riss er tiefe Kuhlen in die Erde, und diese Kuhlen liefen mit Wasser voll. So, sagen die Alten, entstanden die vielen Seen des Plöner Landes, ein jeder ein Krater aus jener Nacht.
Den Teufel packte die Wut, denn getroffen hatte er nichts. Manche erzählen, ein zweiter Riese habe droben auf dem Plöner Schlossberg gestanden und mit dem eigenen Hammer zurückgeworfen, und die beiden hätten einander über all die Meilen nie erreicht. Auf dem Segeberger Fels aber blieb zurück, was der Teufel nicht mehr forttrug: der Kalkberg selbst, sein misslungenes Werk, das seither aus der flachen Landschaft ragt wie ein Denkmal seines Zorns.
3 Was der Fels wirklich erlebte
Die Wahrheit hinter dem Fels ist kaum weniger merkwürdig als die Sage. Der Kalkberg besteht gar nicht aus Kalk, sondern oberflächlich aus Gips und im Kern aus Anhydrit, abgelagert vor rund zweihundertfünfzig Millionen Jahren von einem längst verschwundenen Meer. Unter ihm liegt ein Salzstock, der den Berg noch heute Jahr um Jahr ein bis zwei Millimeter emporhebt. Nur deshalb ragt er überhaupt aus der eiszeitlich geformten Ebene, in der ihn nichts umgibt, das ihm gliche. Einst war er über hundertzehn Meter hoch und hiess der Alberg; auf seinem Rücken stand die Siegesburg, die Kaiser Lothar im Jahr 1134 gründen liess und die im Dreissigjährigen Krieg von den Schweden zerstört wurde.
Danach brachen die Menschen den Gips ab, Jahrhundert um Jahrhundert, vom Gipfel her, bis der Berg neun Zehntel seiner Masse verloren hatte und nur die heutigen einundneunzig Meter blieben. Erst 1931 endete der Abbau. Schon 1913 hatte man im Innern die Kalkberghöhlen entdeckt, in denen heute Zehntausende Fledermäuse überwintern und der nur hier lebende Segeberger Höhlenkäfer haust. Seit 1952 spielt man im alten Steinbruch vor der Felswand die Karl-May-Spiele, und von der Gipfelplattform reicht der Blick bei klarem Wetter bis zu den Türmen Lübecks. Vom Hammer des Teufels spricht dort niemand mehr, doch warum dieser helle Fels so einsam in der Ebene steht, erklärt die Wissenschaft kaum weniger staunend als die alte Sage.
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