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Lorsch, Hessen / Bergstraße

Das Grab Siegfrieds zu Lorsch

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An der Bergstraße im südhessischen Lorsch steht eine der ältesten Steinbauten Deutschlands: die Königshalle des Klosters Lorsch, karolingisch, seit 1991 UNESCO-Welterbe. Das Kloster wurde 764 gegründet, und Karl der Große wohnte 774 der Weihe der Nazariusbasilika bei. Doch die Straße, die zum Klosterhügel führt, heißt Nibelungenstraße, und die Stadt nennt sich NibelungenLand. Denn eine alte Sage legt hierher, was Generationen bewegt hat: das Grab Siegfrieds des Drachentöters. Nach einer Fassung des Nibelungenliedes soll Königin Ute die Abtei gestiftet haben, und in ihren Mauern sollen sie und der erschlagene Held ruhen.

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1 Die Witwe und ihre Abtei

Die Sage führt in die Zeit der Burgunden, deren Königshof im nahen Worms am Rhein lag. Dort herrschte König Dankrat, und an seiner Seite stand Königin Ute, die Mutter der schönen Kriemhild und ihrer Brüder Gunther, Gernot und Giselher. Als Dankrat starb, zog sich die Witwe, so berichtet eine jüngere Fassung des Nibelungenliedes, von der Pracht des Hofes zurück.

Sie suchte einen stillen Ort an der Weschnitz, wenige Meilen von Worms entfernt, und stiftete dort ein Kloster: die Abtei Lorsch. Fortan lebte Ute in den Mauern, die sie hatte errichten lassen, betete für ihr Geschlecht und wartete auf die seltenen Besuche ihrer Kinder. Der Sandhügel, auf dem die Abtei wuchs, sollte einmal Könige und Helden in seiner Erde bergen.

Noch ahnte niemand, welches Unglück über die Familie hereinbrechen würde. Denn nach Worms war ein Mann gekommen, der alles verändern sollte: Siegfried aus den Niederlanden, der den Drachen erschlagen und im Blut des Untiers gebadet hatte, bis auf eine einzige Stelle zwischen den Schultern, die ein fallendes Lindenblatt verdeckt hatte. Er warb um Kriemhild, Utes Tochter, und gewann sie. Doch sein Ruhm weckte Neid, und der Neid trug einen Namen: Hagen von Tronje.

2 Siegfrieds letzte Jagd

Ein Streit zweier Königinnen um den Vortritt an der Kirchentür entzündete das Unglück. Kriemhild verriet im Zorn das Geheimnis ihres Mannes: jene wunde Stelle zwischen den Schultern, wo kein Drachenblut die Haut gehärtet hatte. Hagen von Tronje hörte es und schmiedete seinen Plan. Er überredete die Burgunden zu einer großen Jagd im Odenwald, in die Wälder östlich von Worms.

Den ganzen Tag hetzte Siegfried das Wild und war der Fröhlichste unter den Jägern. Als die Mittagssonne brannte, trieb ihn der Durst zu einer kalten Quelle. Er beugte sich hinab, um zu trinken, und in diesem Augenblick stieß Hagen ihm den Speer in den Rücken, genau in die eine ungeschützte Stelle. So fiel der stärkste Held des Liedes, hinterrücks erschlagen an einem Waldbrunnen.

Die Jäger trugen den Toten zurück und legten ihn heimtückisch vor Kriemhilds Kammer. Ihr Schmerz war ohne Grenzen. Nach der bekannten Fassung wurde Siegfried im Münster zu Worms bestattet. Doch die Lorscher Überlieferung erzählt es anders: Man habe den Leichnam die Weschnitz hinauf zur Abtei der alten Königin Ute gebracht und ihn dort in einem steinernen Sarg beigesetzt, in geweihter Erde, fern vom Hof, der ihn verraten hatte.

3 Zwei Städte, ein Grab

Seit dem späten Mittelalter streiten zwei Städte um den berühmten Toten. In Worms zeigte man lange einen gewaltigen Grabhügel und nannte ihn Siegfrieds Grab. Kaiser Friedrich III. ließ ihn 1488 kreuzweise aufgraben, weil er die alte Sage auf ihren Kern prüfen wollte. Die einen berichteten von riesigen Knochen, die anderen von gar nichts. In Lorsch dagegen weisen die Nibelungenstraße, die Nibelungenhalle und ein steinerner Sarkophag am Eingang des Museums auf die Sage, die den Helden hierher legt.

Die Geschichtsschreibung weiß von Siegfried nichts. Was sie weiß, ist fast noch merkwürdiger: Lorsch war wirklich eine königliche Grablege. Hier wurde Ludwig der Deutsche bestattet, der erste ostfränkische König, gestorben 876, dazu sein Sohn Ludwig der Jüngere, sein Enkel Hugo und später Königin Kunigunde. Wo die Sage einen Drachentöter begrub, ruhten in Wahrheit echte Könige.

Vielleicht liegt darin der Reiz von Lorsch. Der Ort trug so viel wirkliche Macht in seiner Erde, dass die Fantasie noch einen Helden hinzufügen musste. Wer heute über den Klosterhügel geht, an der Königshalle vorbei, steht auf einem Boden, in dem Geschichte und Sage nicht mehr zu trennen sind. Und irgendwo, sagen die Lorscher, wartet noch immer ein Grab darauf, dass man an den Helden glaubt.

Quelle: Nibelungenlied (jüngere Handschriftfassung); Wolfgang Selzer, Lorsch und das Nibelungenlied, 1964; Überlieferung um das Kloster Lorsch.
Wusstest du? Das Kloster Lorsch wurde 764 von der Adligen Williswinda und ihrem Sohn Cancor gegründet und erhielt 765 die Reliquien des heiligen Nazarius. Die karolingische Königshalle gehört zu den ältesten vollständig erhaltenen Steinbauten nördlich der Alpen. Dass eine Handschrift des Nibelungenliedes gerade Lorsch zum Grab Siegfrieds und zur Stiftung der Königin Ute macht, verband das reale Königskloster früh mit dem größten Heldenlied des deutschen Mittelalters.
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