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Eisenach, Thüringen / Wartburgkreis

Luthers Tintenfass auf der Wartburg

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Hoch über Eisenach, auf einem Bergsporn am Rand des Thüringer Waldes, steht die Wartburg. Die Burg wurde im elften Jahrhundert von den Landgrafen von Thüringen gegründet; die heilige Elisabeth lebte hier von 1211 bis 1227 und teilte Brot an die Armen aus. Seit 1999 gehört die Wartburg zum Weltkulturerbe der UNESCO. Wer aber heute die Treppe zu der kleinen Kammer im südlichen Burgflügel hinaufsteigt, kommt wegen etwas anderem: wegen einer niedrigen Stube mit Holztäfelung, einem Schreibtisch, einem Walwirbel und einem grünen Ofen. Die Lutherstube. Und wegen eines Flecks, den es nicht mehr gibt.

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1 Der Junker, der keiner war

Im Frühjahr 1521 stand Martin Luther in Worms vor Kaiser Karl V. und weigerte sich, seine Schriften zu widerrufen. Das Wormser Edikt, erlassen am 26. Mai jenes Jahres, erklärte ihn für vogelfrei: wer ihm half oder ihn beherbergte, machte sich strafbar. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen ließ ihn deshalb auf dem Rückweg von bewaffneten Reitern «überfallen» und heimlich auf seine Burg über Eisenach bringen. Am 4. Mai 1521 ritt Luther durch das Tor der Wartburg. Er blieb bis zum 1. März 1522.

Dort wurde aus dem Mönch ein Edelmann. Er legte die Kutte ab, zog Wams und Hosen an, ließ Haar und Bart wachsen, hängte ein Schwert an die Seite und nannte sich Junker Jörg. Nur eine Handvoll Menschen auf der Burg wusste, wer er wirklich war. Er schrieb seinen Freunden, er sitze im «Reich der Vögel», ritt zur Jagd mit, aß zu schwer und schlief zu schlecht.

Im Dezember 1521 begann er das Werk, für das ihn die Welt behalten sollte: Er übersetzte das Neue Testament aus dem Griechischen des Erasmus ins Deutsche. Elf Wochen brauchte er dafür. Im September 1522 kam es in Wittenberg aus der Presse — das Septembertestament. Doch die Nächte in der kleinen Kammer waren lang, und Junker Jörg war allein.

2 Der Wurf in der Winternacht

So erzählt man es in Eisenach. Es war tief im Winter, und der Wind kam aus dem Tal, als wollte er die Burg vom Felsen blasen. Luther saß an seinem Schreibtisch, die Kerze niedrig, das griechische Buch aufgeschlagen. Er suchte ein deutsches Wort für ein griechisches, und es wollte nicht kommen.

Da hörte er hinter sich ein Geräusch, beim Ofen. Erst wie eine Nuss, die knackt. Dann wie ein Lachen. Er drehte sich um, und da stand er: der Böse selbst, breit, lächelnd, und er flüsterte, was der Teufel immer flüstert, wenn ein Mensch etwas Großes beginnt. Dass es sinnlos sei. Dass niemand es lesen werde. Dass ein Bergmannssohn aus Mansfeld das Wort Gottes nicht in den Mund von Bauern legen dürfe. Dass er vogelfrei sei, dass der Kaiser ihn finden werde, dass er brennen werde.

Luther hörte zu. Er suchte kein Gebet, kein Kreuz, kein Weihwasser. Er griff, was auf dem Tisch stand: das Tintenfass. Und er schleuderte es mit aller Kraft nach der Gestalt am Ofen.

Der Teufel verschwand. Das Fass zersprang an der Wand, und die Tinte lief in einem breiten schwarzen Strich über den Kalk hinab. Luther wischte die Feder ab, setzte sich und schrieb weiter. Das Wort, das er gesucht hatte, so sagte man, stand am nächsten Morgen da.

3 Der Fleck, der verschwand

Jahrhundertelang zeigte man den Besuchern jenen Fleck hinter dem grünen Ofen, und jahrhundertelang galt er als Beweis. Nur: er ist keiner. Luther selbst hat über diesen Wurf nie ein Wort geschrieben. Er berichtet wohl von Anfechtung und vom Teufel, der ihn auf der Wartburg quälte, doch von einem Tintenfass schweigt er. Das Bild, das man ihm zuschreibt — er habe den Teufel «mit der Tinte» vertrieben — versteht man heute so, wie es wohl gemeint war: mit der Feder, mit der Übersetzung selbst.

Schriftliche Zeugnisse und Darstellungen des Flecks reichen erst bis 1650 zurück, gut ein Jahrhundert nach Luthers Tod. Und es blieb nie derselbe Fleck. Sooft er verblasste, wurde er nachgezogen, aufgefrischt oder schlicht neu gemalt. Zugleich nahmen die Besucher ihn mit: Sie kratzten Stücke des Putzes von der Wand und steckten sie als Reliquie ein. Dem Möbiliar in der Stube erging es ebenso, weshalb es heute weitgehend aus Nachbildungen besteht. Den Fleck gibt es seit über hundert Jahren nicht mehr. Wer heute davorsteht, steht vor blankem Kalk.

Die Wartburg ist auch nicht der einzige Ort, der den Fleck für sich beanspruchte; auf der Veste Coburg zeigte man im siebzehnten Jahrhundert ebenfalls einen. Und vielleicht ist das das Schönste an dieser Sage: Nicht die Tinte an der Wand blieb, sondern die Tinte auf dem Papier. Das Septembertestament wird noch immer gelesen. Der Fleck wurde von denen weggekratzt, die ihn bewundern kamen.

Quelle: Mündliche Überlieferung der Wartburg; Reiseberichte und Darstellungen des Tintenflecks seit 1650; Briefe Martin Luthers (1521-1522); Wartburg-Stiftung Eisenach.
Wusstest du? Die Wartburg gehört seit 1999 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Neben der Lutherstube zeigt die Burg die Elisabethkemenate, benannt nach der heiligen Elisabeth von Thüringen, die hier von 1211 bis 1227 lebte und nach ihrem Tod heiliggesprochen wurde. Luther kannte Eisenach übrigens schon als Schüler: von 1498 bis 1501 besuchte er hier die Schule. 1817 versammelten sich etwa fünfhundert Studenten auf der Burg zum Wartburgfest.
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