Der Schängel von Koblenz
Wer in Koblenz den Rathaushof überquert, sollte den Brunnen im Auge behalten. Dort steht ein bronzener Junge, die Hände in den Taschen, und etwa alle drei Minuten speit er einen Wasserstrahl weit über den Beckenrand hinaus. Wer zu nah vorbeigeht, wird nass. Das ist der Schängel: der Spitzname der Koblenzer selbst und die Geschichte eines Schimpfworts, das zum Ehrennamen wurde.
1 Der Junge, der speit
Der Schängelbrunnen steht seit 1941 im Hof des Koblenzer Rathauses, heute Willi-Hörter-Platz, umgeben von Renaissance- und Barockbauten. Der achteckige Trog ist aus Eifeler Basaltlava gehauen und trägt Reliefs mit Jungenstreichen. In der Mitte erhebt sich eine Säule mit Porträtreliefs, darüber die Bronzefigur.
Der Mayener Bildhauer Carl Burger entwarf den Brunnen 1939; die Bronzefigur wurde Ende 1939 und Anfang 1940 in München gegossen. Modell stand der damals elfjährige Rudolf Dany aus Mayen, der für jede Sitzung fünfzig Pfennig erhielt. Am 15. Juni 1941 wurde das Denkmal eingeweiht. Wer den Anstoß gab, sagen die Quellen unterschiedlich: die eine Lesart nennt Wilhelm Smits vom städtischen Kulturamt, die andere Koblenzer Bürger um den Karnevalisten Jupp Flohr.
Die Figur überstand die Metallsammlungen des Krieges ebenso wie die Bomben. Das Spritzen ist keine technische Panne, sondern der ganze Sinn der Sache: der Schängel neckt, und wer geneckt wird, gehört dazu.
2 Schang, Schängel, Schängelche
Der Name geht auf die zwanzig Jahre zurück, in denen Koblenz zu Frankreich gehörte. 1794 nahmen französische Revolutionstruppen die Stadt ein; 1801 fiel sie auch förmlich an Frankreich und wurde Hauptstadt des Departements Rhin-et-Moselle. Erst 1814 endete diese Zeit. In jenen Jahren kamen Kinder aus deutsch-französischen Verbindungen zur Welt, und die gängige Erklärung lautet, dass gerade sie Schängelchen genannt wurden.
Der sprachliche Weg ist klar genug. Der französische Vorname Jean war allgegenwärtig, doch die Koblenzer brachten den Klang nicht über die Lippen. In der moselfränkischen Mundart wurde aus Jean ein Schang, und Schängel ist dessen Verkleinerungsform, etwa das, was Hänschen für Hans ist. Liebevoll hängt man sogar eine zweite Verkleinerung an: Schängelche.
Ehrlicherweise ist das die gängige Lesart und keine bewiesene Tatsache. Die genaue Herkunft eines Mundartworts lässt sich selten lückenlos klären. Schang war im ganzen Rheinland ein gewöhnlicher Rufname für Johann oder Hans, also kann Schängel ebenso gut schlicht «kleiner Hans» bedeutet haben. In Maastricht gibt es einen fast gleichen Spitznamen, Sjenge, der ebenfalls auf Jean zurückgeht.
Fest steht: am Anfang war es kein Kompliment. Das Wort lag in derselben Ecke wie das alte Bankert für ein uneheliches Kind, und es traf Kinder, die an ihrer Herkunft nichts zu entscheiden hatten. Dass die Koblenzer dieses Wort später umgedreht und zu ihrem Ehrennamen gemacht haben, ist der merkwürdigste Teil der Geschichte. Heute darf sich jeder Schängel nennen, der in Koblenz geboren ist.
3 Das Lied, das Eck und die Festung
Dass das Wort diese Wendung nahm, hat viel mit einem Lied zu tun. Der Mundartdichter Josef Cornelius (1849-1943) schrieb zum Karneval 1914 sein Gedicht «Dat Kowelenzer Schängelche». Der Musikalienhändler und Komponist Carl Wilhelm Kraehmer (1874-1918) schuf im Auftrag der Großen Koblenzer Karnevalsgesellschaft die Melodie, und im Februar 1914 wurde das Lied im Stadttheater uraufführt. Es schlug ein und wurde im Lauf der Jahre so etwas wie die Hymne der Stadt. Der Refrain besingt einen Schängel, der «gedaaft met Rhein- on Musselwasser on met Wein» ist: getauft mit Rhein- und Moselwasser und mit Wein.
Der Brunnen ist Cornelius gewidmet; sein Bildnis sitzt in der Säule, neben dem des Komponisten und dem Stadtwappen. Bei der Einweihung 1941 war der Dichter zweiundneunzig Jahre alt und selbst zugegen.
Das Lied nennt auch den Ort, an dem das Schängelche nach eigenem Bekunden am besten gedeiht: das Deutsche Eck, die Landzunge am Zusammenfluss von Mosel und Rhein. Der Name stammt vom Deutschen Orden, der dort kurz nach 1216 eine Kommende errichtete; seit 1897 steht dort das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I., 1945 zerstört und 1993 wiederhergestellt. Gegenüber erhebt sich die Festung Ehrenbreitstein auf einem 180 Meter hohen Bergsporn, 1801 von französischen Truppen gesprengt und zwischen 1817 und 1828 von Preußen neu errichtet. Seit Juni 2010 schwebt eine Seilbahn hinauf, gebaut zur Bundesgartenschau 2011.
Aus der Kabine sieht man alles auf einmal: zwei Flüsse, das Denkmal, die Dächer der Altstadt. Irgendwo darunter steht der bronzene Junge, und in drei Minuten speit er wieder.
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