Sankt Front, der Stab des Petrus und der Drache im Fels
Périgueux liegt in einer Schleife des Flusses Isle, und wer eine Stunde durch die Stadt geht, merkt, dass es eigentlich zwei Städte sind. Im Süden steht ein runder Mauerrumpf, gut vierundzwanzig Meter hoch, mit einem klaffenden Riss in der Flanke: der Tour de Vésone, alles, was von einem gallo-römischen Tempel geblieben ist. Eine halbe Stunde weiter, über den Dächern der mittelalterlichen Burgstadt, steigen fünf graue Kuppeln auf. Zwischen diesen beiden Punkten liegt die ganze Geschichte der Stadt. Und mitten in dieser Geschichte steht ein Mann, über den niemand mit Sicherheit etwas weiß: Front, der erste Bischof.
1 Der Stab des Petrus
Front, so geht die Erzählung, gelangte in Rom zum Apostel Petrus, wurde von ihm zum Bischof geweiht und in das Land der Petrocorii gesandt. Allein reisen ließ man ihn nicht: man gab ihm einen Priester namens Georgius zum Begleiter mit. Am dritten Tag der Reise starb der Gefährte. Front kehrte um und lief den ganzen Weg zurück nach Rom. Petrus hörte ihn an und gab ihm seinen eigenen Stab mit, mit dem Auftrag, ihn auf den Toten zu legen. Front tat es, und Georgius stand auf. Wer es unterwegs sah, ließ sich taufen.
Wer das nachprüfen will, gerät in Schwierigkeiten. Die Lebensbeschreibungen des Front sind spät und widersprechen einander. Die älteste erhaltene wird Gauzbert zugeschrieben, Chorbischof von Limoges, um die Mitte des zehnten Jahrhunderts; andere Lesarten datieren eine erste Vita schon ins achte. Daneben gibt es eine provenzalische Fassung, die auf der Legende der heiligen Martha ruht und also nicht älter sein kann als das dreizehnte Jahrhundert, und eine noch jüngere, in der Front zum Schüler Christi wird. Der früheste Text ist zudem eine Verschmelzung: er mischt den Einsiedler des Périgord mit einem ägyptischen Mönch, Fronto von Nitria. Was von dem Mann selbst am Ende bleibt, ist ein Name und ein Grab.
2 Der Drache im Fels
Zu diesem Stab gehört in Périgueux ein zweites Wunder. Der runde Turm von Vésone stand schon lange, als Front kam, und der Überlieferung nach hatte sich das Böse darin verschanzt. Front trieb die Dämonen mit seinem Stab hinaus, und der Stoß, mit dem sie durch die Wand brachen, soll den großen Riss gerissen haben, den man heute noch sieht. Die nüchterne Erklärung steht daneben: man hat einst die schweren Blöcke der Türöffnung entfernt, worauf der obere Teil einstürzte.
Flussaufwärts, bei Lalinde an der Dordogne, erzählt man dieselbe Geschichte in tierischer Gestalt. Dort hauste der Coulobre, ein Drache in einer Höhle auf einem Hügel am linken Ufer. Er verschlang Schafe, Hirten und Schiffer und trank den Fluss leer, eine Pranke auf jedem Ufer und den Schwanz im Wasser. Front tötete ihn schließlich, und seither, heißt es, sind die Felsen dort rot gefärbt.
Dass ein Heiliger einen Drachen erschlägt, ist in Frankreich keine Ausnahme, sondern ein festes Muster; es gibt eine ganze Reihe solcher Drachentöter. Was das Motiv gewöhnlich bedeutet, ist nicht schwer zu erraten: der Turm von Vésone war die Cella eines Tempels, geweiht der Vesunna, der Schutzgöttin der Stadt. Das Tier im Fels ist der Glaube, der dort stand, bevor der Bischof kam.
3 Fünf Kuppeln über der Doppelstadt
Vesunna war die Hauptstadt der Petrocorii und wuchs in den ersten beiden Jahrhunderten zu einer richtigen römischen Stadt heran, mit Forum, Amphitheater und Thermen. Gegen Ende des dritten Jahrhunderts zog sie sich hinter eine eilig aufgeworfene Mauer auf fünfeinhalb Hektar zusammen: die Cité, die Stadt der Grafen und Bischöfe. Einige hundert Meter östlich wuchs um das Grab des Front ein zweiter Kern, der Puy-Saint-Front, mit eigenen Kaufleuten. Die beiden waren Nachbarn und Rivalen, und erst im September 1240 schlossen sie sich zu einer Stadt zusammen: Périgueux.
Über jenem Grab entstand im zwölften Jahrhundert eine Kirche, wie es in Frankreich keine zweite gibt. Um den Strom der Compostela-Pilger aufnehmen zu können, setzte man neben die alte Abteikirche eine Kuppelkirche auf griechischem Kreuzplan, mit fünf Kuppeln auf Pendentifs, nach dem Vorbild von San Marco in Venedig. Zwischen 1160 und 1170 war das Werk vollendet. 1575 plünderten die Hugenotten das Gebäude; seit 1669 ist es die Kathedrale des Bistums.
Von 1852 bis 1895 wurde die Kirche restauriert. Paul Abadie, bis 1883 der verantwortliche Architekt, bekam die Kuppeln nicht dicht, und ein Eingriff erzwang den nächsten, bis er das Gebäude Stein für Stein abgetragen und wieder aufgebaut hatte. Man sagt deshalb bisweilen, von der alten Kirche sei wenig geblieben; der Glockenturm und die Krypten aus dem zwölften Jahrhundert blieben allerdings stehen. 1873 gewann Abadie den Wettbewerb für Sacré-Cœur auf dem Montmartre, wofür er sich an Saint-Front und San Marco anlehnte. Seit 1998 steht die Kathedrale auf der UNESCO-Liste, als Etappe der Jakobswege in Frankreich.
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