Der Allmächtige Schöpfer von Den Haller
Diepenheim heißt im Twentischen Deep’n und bei den eigenen Bewohnern schlicht das Stedeke: die kleinste Stadt Twentes, eine Handvoll Straßen zwischen sechs Schlössern und Rittersitzen. An ihrem Rand dreht sich seit über acht Jahrhunderten ein hölzernes Wasserrad im Diepenheimer Mühlenbach. Die Mühle heißt Den Haller, und unter jenem Rad liegt ein dunkler, wirbelnder Kolk, in dem die Diepenheimer früher schwammen. Über diese Mühle, über ihre Müller und über das Land ringsum geht eine Geschichte, die in Twente hängengeblieben ist — mit einem Pfarrer, einem eingenickten Bauernsohn und einer Antwort, die niemand mehr vergessen hat.
1 Das Stedeke zwischen sechs Schlössern
Diepenheim ist eine der acht mittelalterlichen Städte Twentes und zugleich die kleinste geblieben. Die Industrialisierung des neunzehnten Jahrhunderts ging schnurstracks an ihr vorbei; als die Gemeinde 2001 in Hof van Twente aufging, war sie mit zweitausendsiebenhundertvierundfünfzig Einwohnern die kleinste in ganz Overijssel. Rings um den Kern liegen Huis Diepenheim, das Nijenhuis, Westerflier, Warmelo, Weldam und Wegdam: sechs Schlösser und Rittersitze, von denen mehrere aus Burgmannshäusern hervorgingen, den Wohnungen bewaffneter Männer, welche die Burg verteidigen helfen mussten. Diese Tradition der Burgmannen kennt Diepenheim, als einer der wenigen Orte der Niederlande, bis auf den heutigen Tag.
Von wirklichen Stadtrechten wurde nie eine Urkunde wiedergefunden. Der Herr von Diepenheim soll dem Städtchen ein eigenes Recht verliehen haben, doch das Schriftstück ging verloren, als 1597 das alte Archiv abbrannte; fünf Jahre später wurde es in einem neuen Stadtbuch erneut zu Papier gebracht. Älter als alle Papiere ist der Boden selbst. Im Jahr 1177 zerstörte der Bischof von Münster, Hermann II., die Burg bei der Wassermühle, zur Strafe für einen Einfall der Herren von Ahaus und Diepenheim in sein Gebiet. Die Burg wurde danach an anderer Stelle wiederaufgebaut, auf der Casteelbelt, und um dieses neue Haus herum wuchs das Stedeke.
2 Die Mühle, die älter ist als das Städtchen
Den Haller wird zum ersten Mal in einer Urkunde von 1169 genannt, in der Wolbertus, Herr von Diepenheim, Hof hält auf seinem Castrum neben der Wassermühle. Damit zählt die Mühle zu den ältesten noch arbeitenden Wassermühlen der Niederlande. Im Jahr 1237 taucht sie erneut auf, in dem Schriftstück, das die kirchliche Grenze zwischen Diepenheim und Markelo festlegte, und 1331 kaufte Bischof Johann von Diest aus Utrecht die ganze Herrlichkeit Diepenheim samt der Mühle. Fünf Jahre darauf musste derselbe Bischof den Besitz schon wieder verpfänden.
Jahrhundertelang lag die Mühle danach im Griff Deventers. Die Hansestadt hatte den Schipbeek graben lassen und führte Aufsicht über die Bäche; der Müller musste darauf achten, dass am Kolk keine Waren umgeschlagen wurden, die sonst beim Erzrivalen Zwolle gelandet wären. Neun Domänenbauern besaßen das Recht des Vormahlens: Sie wurden vorrangig bedient, lieferten dafür aber das Stroh für das Mühlendach. Nur der Hof Nijhof durfte außerdem frei mahlen und musste dafür alle zehn Jahre helfen, einen neuen Mühlstein aus Deventer zu holen.
1870 verkaufte Deventer die Mühle auf einer öffentlichen Versteigerung an seinen eigenen Pächter Jan Hallers; nach ihm ist Den Haller benannt. Graf Schimmelpenninck vom Nijenhuis erwarb sie 1895 und schenkte sie 1912 der Gemeinde, mit der ausdrücklichen Bestimmung, dass weiter gemahlen werden müsse. Und so geschah es. Die Brüder Gerrit und Herman Tellman, im Städtchen als Hallersget und Hallersherman bekannt, mahlten dort bis in die siebziger Jahre jeden Tag Getreide.
3 Der Allmächtige Schöpfer
Und nun die Geschichte selbst. Von alters her galt ein Zunftrecht, wonach der Müller einen Teil des gemahlenen Getreides für sich behalten durfte, gewöhnlich ein Vierundzwanzigstel bis ein Sechzehntel. Er nahm ihn mit einer geeichten Schöpfkelle aus dem Sack, und genau dieses Schöpfen wurde von den Bauern mit Misstrauen betrachtet. In Twente sagte man, die Ärmel des Müllers schöpften mit.
Über den Müller Jan Baneman von Den Haller wurde tapfer gemurrt: Er hatte den Ruf, allmächtig drauflos zu schöpfen. Als der Pfarrer von Diepenheim im Konfirmandenunterricht einen eingenickten Bauernsohn mit der Frage aufschreckte, wer denn der Allmächtige Schöpfer sei, fuhr der Junge hoch und antwortete ohne jedes Zögern: Jan Baneman von Den Haller, Herr Pfarrer. Die Antwort wurde von mr. G. J. ter Kuile in seinem Buch über die Twentischen Wassermühlen von 1922 aufgezeichnet, tauchte 1948 noch einmal in der Zeitung auf und wird an der Mühle bis heute erzählt.
Nicht alles rund um Diepenheim war so gutmütig. Im Overijselsch sagenboek von J. R. W. Sinninghe aus dem Jahr 1936 steht Diepenheim in der Reihe der Orte, an denen sich die weißen Weiber aufhielten: am Warmelose dijk. Und die Galgematen, das alte Galgenfeld des Städtchens, werden in demselben Buch unter den Plätzen genannt, an die man nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht mehr kam. Wer heute bei Den Haller steht, hört nur noch das Rad und das Wasser durch die Schleusen schlagen. Doch der Kolk darunter ist so schwarz wie eh und je.
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