Das Schiff ohne Ruder
Fünf Kilometer südwestlich von Sneek liegt Drylts, auf Niederländisch IJlst: eine der friesischen elf Städte, entstanden an einem Flüsschen, das es kaum noch gibt. Was von der Ee blieb, zieht wie eine Gracht mitten durch das Städtchen, mit der Straße dicht an den Häusern und den Gärten auf der anderen Seite des Wassers. Im Stadtwappen segelt ein goldenes Schiff über ein blaues Meer, und von diesem Schiff sagen die Bewohner, es habe kein Ruder.
1 Das Schiff ohne Ruder
Das älteste bekannte Siegel von IJlst stammt aus dem Jahr 1496 und zeigt eine Kogge, das breite Handelsschiff des Mittelalters. Ein zweites Siegel aus dem sechzehnten Jahrhundert zeigt etwas ganz anderes: einen Soldaten mit einem Schwert. Als Wappen ist das Schiff seit 1584 bekannt. Die Kogge änderte immer wieder ihre Gestalt, bis am 25. März 1818 offiziell ein Dreimaster verliehen wurde. Weil die ursprünglichen Farben nicht mehr bekannt waren, erhielt das Wappen die Reichsfarben: ein goldenes Schiff auf einem Meer von Blau und Gold, der Schild gedeckt mit einer goldenen Krone.
So steht es im Blason. In IJlst aber wird etwas dazu erzählt. Einer Volkserzählung nach ist das Schiff im Wappen ein Schiff ohne Ruder, und es steht dort, weil ein gewisser Kapitän sein Schiff stets ohne Ruder in den Hafen von IJlst zu steuern wusste. Wer dieser Kapitän war, wann er lebte, wie er es anstellte — darüber schweigt die Überlieferung. Die Geschichte ist in der friesischen und niederländischen Wappenliteratur bewahrt und wird bis heute weitererzählt.
Hinter der Sage schimmert eine Stadt, die vom Wasser lebte. IJlst entstand an der Alten Ee, die die Middelzee mit der Zuiderzee verband, und verdankt ihr den Namen: die älteste Form soll Ylike gewesen sein, von Ee, Wasser, und dem friesischen like, langsam fließen. 1268 erhielt IJlst Stadtrechte, als vierte Stadt Frieslands nach Stavoren, Hindeloopen und Harlingen. Als die Middelzee verlandete, verlor die Handelsstadt ihre Durchfahrt und wandte sich dem Schiffbau zu — also den Schiffen, mit oder ohne Ruder.
2 Die Ee und die Gärten jenseits des Wassers
IJlst war nie durch Festungswälle geschützt und ist nicht einmal auf einer Warft entstanden. Das Wasser tat die Arbeit: Ringgräben ringsum und im Norden eine Brücke, die man nur hochzuziehen brauchte, um die Stadt zu schließen.
Was von der Ee übrig blieb, bildet noch immer die Mittelachse des Städtchens. Die Straße verläuft dicht an den Fassaden, und auf der anderen Seite dieser Straße, am Wasser, liegen die Gärten, die zu den Häusern gehören: die Overtuinen, hier auch Bleichen genannt, weil dort früher die Wäsche zum Bleichen ausgelegt wurde. Die Gemeinde übernahm sie vor langer Zeit; die Bewohner dürfen ihre Bleiche nutzen, sofern sie sie im alten Zustand lassen. Ein Teil der Stadt ist geschütztes Stadtbild.
Die Mauritiuskirche von 1830 ersetzte eine Pfarrkirche des dreizehnten Jahrhunderts, die 1828 abgetragen wurde; die Kanzel von 1672 kam aus der alten Kirche mit. Im Süden stand die Ylostins, der Turmstins der Harinxma thoe IJlst: der große Turm fiel 1711, die letzten Reste 1778, und als man in den sechziger Jahren danach grub, fand man nichts als weichen Boden. Von dem, was man hier erzählte, ist doch etwas bewahrt: in der Sammlung Wouda des Meertens Instituut stehen Dutzende Erzählungen, die in IJlst aufgenommen wurden, über fremde Lichter über den Bauernhöfen, über einen Teufelsbanner, der Federn in einem Kopfkissen fand, und über den Mann mit der Sense, den man wieder gesehen haben wollte.
3 Holzstadt an der Geeuw
Wer sich IJlst über die Geeuw nähert, sieht zuerst die Mühle. De Rat ist eine achteckige Galeriemühle und eine der drei Sägemühlen, die Friesland noch zählt. Sie kam aus Zaandam-Westzijde, wo sie De Walrot hieß — Wasserratte — oder kurz De Rot; daher stammt ihr Name. Lange galt 1683 als Baujahr, doch Jahrringuntersuchungen ergaben, dass sie nicht vor etwa 1709 gebaut sein kann. 1828 wurde sie an der Geeuw bei IJlst wieder aufgebaut. Bis um 1950 wurde dort gewerblich gesägt; Restaurierungen zwischen 1960 und 1968 und zwischen 1976 und 1978 machten sie wieder sägefähig.
Der zweite Grund, warum sich IJlst Holzstadt nennt, heißt Nooitgedagt. 1865 begann Jan Jarings Nooitgedagt hier mit der Herstellung von Schlittschuhen und Hobeln; später kamen Werkzeug und hölzernes Spielzeug dazu. Über ein Jahrhundert lang war die Fabrik der größte Arbeitgeber der Stadt, und auf unzähligen friesischen Schlittschuhen klebte das gelbe Schildchen mit diesem Namen. Um 1990 zog der Betrieb um, Anfang dieses Jahrhunderts wurde die Firma übernommen und einige Jahre später geschlossen.
Von der alten Fabrik blieb das Gebäude aus gelben friesischen Steinen. Der Schornstein wurde 2007 renoviert: der obere Teil ist durch ein stählernes Skelett ersetzt, das die alte Höhe wieder andeutet. Seit 2017 steht neben der Mühle das Museum Houtstad. Und an den Giebeln und auf den Fahnen segelt noch immer jenes goldene Schiff — der Sage nach ohne Ruder, und doch jedes Mal sicher in den Hafen.
Vie FelineKattengedrag en vachtverzorging
Heimweer.be — Europees Erfgoed Bewaard


