Die Wahrsagerinnen von Poperinge
Poperinge, frühe 1980er Jahre. Die Hopfstadt liegt still unter der Septembersonne. Oma Margot sitzt in ihrem Wohnzimmer am Gasthuisplein, wo der Duft der Hopfenfelder noch durch die Straßen weht. Heute passt sie auf fünf Enkel auf, während ihre Tochter beim Notar ist. Es wird ein Tag sein, den sie niemals vergessen wird.
1 Kapitel 1: Die fremden Besucher
Margot De Clercq war keine Frau, die sich leicht ablenken ließ. Mit ihren zweiundsechzig Jahren hatte sie bereits die Erziehung von sieben Kindern abgeschlossen. Jetzt saß sie hier an einem Dienstag mit fünf ihrer Enkel: Petra, acht Jahre alt, Thomas, sechs Jahre alt, und die Zwillinge Sofie und Josef, vier Jahre alt. Ihre Tochter Bernadette war nach Ieper zum Notar gegangen. Es würde nicht lange dauern, hatte sie gesagt. Zwei Stunden höchstens.
Gegen Mittag klopfte es an der Tür. Margot ging in ihren Hausschuhen hinunter. Sie öffnete vorsichtig – man wußte nie, wer in der Stadt vorbeikam. Zwei Frauen standen auf der Schwelle, gekleidet in dunkler, vornehmer Kleidung trotz der Kälte draußen. Die ältere, mit grauem Haar, das unter einem Kopftuch straff gebunden war, lächelte nachsichtig.
"Guten Tag, gnAdigste Frau," sagte sie mit leichtem Akzent. "Sprechen Sie Französisch?" Margot, die jahrelang Französisch gelernt hatte und es flüssig sprach, zögerte. Es war etwas in ihrem Blick, das ihre Skepsis weckte. "Ein wenig," antwortete sie vorsichtig. "Nur ein wenig."
Die Frauen ließen sich nicht abschrecken. Sie stellten sich als Händlerinnen mit schönen Teppichen und Textilien aus dem Ausland vor. "Sehr vorteilhaft," sagte die Jüngere. "Zwanzig Franken, vielleicht fünfzig, speziell für Sie." Margot, deren Augen die erste rote Flagge erhoben hatten, schüttelte den Kopf. "Nein, nein, ich habe kein Interesse."
Aber die Frauen betraten das Haus, als wären sie eingeladen. Die ältere bewunderte das Wohnzimmer aufrichtig, berührte die Vorhänge, ließ ihre Hand über den Tisch gleiten. Als sie sich in einen der Sessel sinken ließ, als gehöre sie hierher, nahm die Jüngere Platz auf dem Sofa. "Gnabigste Frau," begann die sitzende Frau, "ich kann etwas sehen. Etwas Besonderes. Möchten Sie nicht wissen, was das Schicksal für Sie bereithält?"
Wahrsagerei. Margot glaubte nicht daran, aber dennoch fühlte sie sich nach vorne gezogen, als ob unter einem Fluch. "Ihre Geldbörse, bitte," flüsterte die Frau. Fast ohne es zu bemerken, ging Margot in die Küche und holte ihre Brieftasche. Mit zitternder Hand überreichte sie einen Schein von zwanzig Franken. "Das ist alles, was ich entbehren kann," sagte sie.
Die Frauen tauschten einen Blick aus. Ihre Arbeit war gerade erst begonnen.
2 Kapitel 2: Der Betrug entfaltet sich
Die ältere Frau hängte die zwanzig Franken in ihrer Hand, als ob es ein wertvollles Amulett wäre. Aber sie gab sie nicht zurück. "Das ist nur der Anfang, gnAdigste Frau. Ich sehe mehr. Viel mehr." Sie schloss ihre Augen, und ihr Körper begann sanft zu zittern. "Geld kommt zu Ihnen. Ein großer Betrag. Aber zuerst – zuerst müssen Sie mir helfen."
Margot fühlte ihren Herzschlag beschleunigen. Geld? Ihre Rente von ihrem Mann war dürftig, und die Hilfe von Bernadette war willkommen, aber ungelängt. "Wie kann ich Ihnen helfen?" hörte sie sich selbst fragen.
"Ich bin in Trance, gnAdigste Frau," flüsterte die Frau. "Die Kräfte sprechen. Sie sagen, dass Sie mir hundert Franken geben müssen. Danach wird das Glück wie Wasser fließen."
Hundert Franken. Fast ihre ganze wöchentliche Haushaltskasse. Margot zögerte, aber etwas in dieser Trance, wie falsch sie auch erschien, manipulierte ihre Verhältnis. Sie ging zurück in die Küche. Ihre Hände zitterten, während sie die Scheine aus dem Fach zählte. Als sie zurückkehrte, sah sie, dass die jüngere Frau bereits ihre Bettwäsche inspizierte – die kostbaren Laken, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte.
"Das ist feine Arbeit," sagte sie. "Diese auch?"
"Nein!" rief Margot aus, plötzlich aus ihrer Betäubung erwacht. "Diese nicht."
Die ältere Frau stand auf. Sie wirkte jetzt härter, sachlicher, als ob die Trance vorbei wäre. "Gut, gut. Aber hören Sie genau zu, gnAdigste Frau. In sieben Tagen komme ich zurück. Dann müssen Sie fünfhundert Franken haben. Sie werden für Sie von Bedeutung sein." Sie nahm Margots beide Hände, zog sie dicht heran. "In sieben Tagen," wiederholte sie, und irgendwie, vielleicht durch Ermüdung oder Angst, stimmte Margot zu.
Die Frauen gingen, und Margot saß allein in ihrem Wohnzimmer, umgeben von den stillen Fragen fünf schlafender Enkel. Was hatte sie getan?
An jenem Abend konnte sie nicht essen. Sie saß im Dunkeln und zählte Minuten wie gleich Sekunden. Hundert Franken waren weg. In sieben Tagen würde eine Frau für fünfhundert zurückkommen. Es war ein Plan, natürlich. Ein Betrug. Aber wie konnte sie es jemandem erklären? Wer würde glauben, dass sie, Margot De Clercq, sich von zwei Fremden manipulieren ließ?
Gegen Mitternacht, als die Stadt draußen stiller wurde als der Tod selbst, fasste sie einen radikalen Entschluss. Sie zog ihre Jacke an und verließ das Haus. Ihr Ziel war nicht weit entfernt: die Sint-Sixtus-Abtei, wo die Mönche ihr bei der ersten Not zu Hülfe stehen würden.
3 Kapitel 3: Die Medaille des Schutzes
Bruder Pascalius empfing sie nicht ohne Mitleid. Der alte Benediktiner, dessen Gesicht zerrunzelt war wie eine Bergkarte, hatte sechzig Jahre lang solche Geschichten gehört. Margot, zitternd im Licht von Öllampen in der Abtei, erzählte ihm alles. Die Wahrsagerinnen, die beschamende Geldtransaktion, die Drohung in sieben Tagen.
"Mein Kind," sprach er ruhig, "Sie sind in die Falle des Betrugs geraten, aber Sie sind nicht allein. Dies geschieht häufiger als Sie denken, besonders in Städten, in denen Hoffnung und Handel zusammenkommen, wo Fremde und Betrüger aufeinandertreffen."
Bruder Pascalius stand mit Mühe auf und verschwand in die Sakristei. Minuten zogen sich wie Stunden hin. Als er zurückkehrte, trug er etwas, das in Gold glänzte: eine Medaille, nicht größer als ein Daumennagel, mit dem Erzengel Michael dargestellt, zertretend auf einem Dämon.
"Der heilige Michael schützt vor allem Betrug und Bösartigkeit," sagte er, und er hängte die Medaille um ihren Hals. "Tragen Sie diesen. Und fürchten Sie sich nicht."
Margot fühlte, wie sich etwas in ihrem Körper veränderte, als ob der Metallstein gegen ihre Haut Wärme, nicht Gewicht, trug.
Sieben Tage verstrichen wie ein Albtraum, der sich ständig wiederholte. Margot erzählte Bernadette nichts – was hätte ihre Tochter sonst tun können? Stattdessen lebte sie mit der Medaille unter ihrem Kleid, fühlte ihre Anwesenheit bei jedem Atemzug. Am siebten Tag, als Bernadette bei der Arbeit war und nur Margot mit zwei ihrer Enkel – Petra und Thomas – zu Hause war, geschah es.
Es ertönte ein seltsames Klopfen am eisernen Tor vor dem Haus. Nicht das normale Klopfen eines Besuchers, sondern etwas Dringendes, etwas Zwingendes. Margot schaute aus dem Fenster und sah einen Mann, nicht eine der Frauen. Er war groß, mit düsteren Augen, und er schüttelte das Tor, als wölle er es aufbrechen.
"Gnabigste Frau!" rief er. "Frau De Clercq! Ich bin hier mit einer Botschaft meiner Freunde. Über Ihre Schuld."
Margot fühlte ihr Herz in ihrer Brust pochen. Sie flüsterte den Kindern zu: "Bleibt drinnen." Dann öffnete sie das Fenster einen Spalt. "Was wollen Sie?"
"Eine Fahrradpumpe," rief der Mann. "Nur das. Können Sie mir eine Fahrradpumpe bringen?"
Es war absurd. Es war deutlich. Ein Vorwand, ein Trick, um sie nach draußen zu locken. Aber Margot sagte: "Das Tor ist nicht einmal verschlossen. Sie können selbst holen."
Der Mann ging zum Tor – aber konnte es nicht öffnen. Seine Hände gingen zum Eisen, er drängte, zog, schüttelte, aber es weigerte sich zu bewegen. Nicht weil es verschlossen war – Margot wußte, dass es das nicht war – sondern weil etwas Unsichtbares, etwas Stärkeres als menschliche Kraft, ihn daran hinderte, durchzugehen.
"Das kann nicht sein," murmelte er, und seine düsteren Augen füllten sich mit Angst. Dann, ohne noch ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging fort, schneller und schneller, bis er aus dem Blickfeld in den Hopfenfeldern verschwand.
Margot ließ sich in einen Stuhl sinken. Ihre Hand ging zur Medaille unter ihrem Kleid, jetzt warm gegen ihre Haut. Bruder Pascalius hatte recht gehabt. Der heilige Michael hatte sie geschützt, nicht durch Kraft, sondern durch eine Unmöglichkeit, die größer war als menschlicher Betrug.
Die fünfhundert Franken musste sie niemals zahlen. Die Frauen kehrten nicht zurück. Und obwohl Margot nie wissen würde, wer oder was dieser Mann war, oder welche dunklen Praktiken hinter seinem Besuch steckten, wußte sie eines sicher: dass in Poperinge, unter den Hopfenfeldern und zwischen den alten Gässchen, immer noch Kräfte wirkten, die die Habgier und den Betrug der Welt trotzen.
Vie FelineKattengedrag en vachtverzorging
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