Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser
Kaiser Friedrich Barbarossa ertrank 1190 auf dem Kreuzzug in einem Fluss in Kleinasien. Sein Leichnam kam nie heim, und das Volk weigerte sich zu glauben, dass er tot sei. Er schlafe, hiess es, im Berg Kyffhäuser in Thüringen, an einem Steintisch, durch den sein roter Bart gewachsen ist. Wenn die Raben aufhören, den Berg zu umfliegen, wird er erwachen.
1 Der Kaiser, der nicht heimkam
Friedrich I., Barbarossa genannt nach seinem rotblonden Bart, regierte fast vierzig Jahre und war den Zeitgenossen die Verkörperung des Reiches selbst. 1189 zog er auf Kreuzzug, alt, aber unbeugsam, an der Spitze des grössten Heeres, das je aus Deutschland aufgebrochen war.
Er kam nie in Jerusalem an. Am 10. Juni 1190 ertrank er im Fluss Saleph im heutigen Süden der Türkei. Die Umstände blieben unklar: ein Sturz vom Pferd, ein Herzschlag im kalten Wasser, niemand wusste es genau. Sein Heer zerfiel. Sein Leichnam wurde unterwegs bestattet und verteilt, und es blieb kein Grab, zu dem man hätte gehen können.
Dort beginnt jede Sage dieser Art: bei einem Toten ohne Grab. Wer nicht dort liegt, wo man ihn besuchen kann, ist nie ganz fort. Und die Zeiten danach waren schlecht genug, um jemanden zurückrufen zu wollen: das Reich zerfiel in Streit, und man blickte auf Barbarossas Jahre zurück wie auf eine verlorene Ordnung.
2 Der Tisch, durch den der Bart wächst
So entstand das Bild, das jeder kennt. Im Kyffhäuser, einem langgestreckten Höhenzug über Bad Frankenhausen, sitzt der Kaiser in einem Saal tief im Fels. Er schläft an einem runden Tisch aus Stein, den Kopf in der Hand, und sein Bart ist durch die Tischplatte gewachsen. Um ihn sitzen seine Ritter, ebenfalls schlafend, und die Pferde stehen in den Ställen ohne sich zu rühren.
Dann und wann erwacht er halb. Dann schickt er einen Knaben hinaus, oder er spricht einen Hirten an, der durch eine Spalte hineingeraten ist, und stellt immer dieselbe Frage: fliegen die Raben noch um den Berg?
Sie fliegen noch, antwortet der Hirte jedes Mal. Dann sagt der Kaiser: so muss ich noch hundert Jahre schlafen, und legt den Kopf wieder nieder. Denn das ist die Bedingung. Erst wenn die Raben nicht mehr um den Kyffhäuser kreisen, ist die Zeit gekommen; dann tritt er heraus, hängt seinen Schild an einen dürren Baum, der Baum schlägt aus, und das Reich ist wiederhergestellt.
3 Was später daraus gemacht wurde
An dieser Geschichte ist etwas Rührendes und zugleich etwas Gefährliches. Rührend, weil sie nichts anderes ist als die Weigerung gewöhnlicher Menschen, hinzunehmen, dass gute Zeiten vorbei sind. Gefährlich, weil jedes Jahrhundert etwas anderes hineinlegen konnte.
Das geschah auch. Als Deutschland im neunzehnten Jahrhundert nach Einheit suchte, wurde der schlafende Kaiser zum politischen Sinnbild: das Reich, das auf sein Erwachen wartet. Friedrich Rückert schrieb 1817 das Gedicht, das jedes Schulkind auswendig lernte, mit dem alten Kaiser am elfenbeinernen Tisch und dem Bart durch den Stein. Und 1896 wurde oben auf dem Berg das Kyffhäuserdenkmal errichtet, ein kolossales Monument von achtzig Metern, mit Barbarossa in Stein halb erwacht zu Füssen und Kaiser Wilhelm I. zu Pferde darüber. Die Botschaft war nicht fein: der alte Kaiser ist zurück, und er heisst jetzt Hohenzollern.
Die Sage selbst ist älter und schlichter als all diese Bauwerke. Sie gehört zu einer Familie von Geschichten, die durch ganz Europa läuft, von König Artus in Avalon bis Holger Danske unter Kronborg: der Held liegt nicht im Grab, sondern im Berg, er schläft, und er kehrt wieder, wenn die Not am grössten ist. Es ist die älteste Trostgeschichte, die es gibt, und sie hat nie jemandem etwas beweisen müssen.
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