Der Bernkasteler Doctor
Über dem Moselstädtchen Bernkastel-Kues steigt ein Hang aus verwittertem Schiefer zur Ruine der Burg Landshut hinauf. Auf halber Höhe liegt dort ein knapp drei Hektar großer Weinberg mit dem seltsamsten Namen Deutschlands: der Bernkasteler Doctor. Kein Heiliger, kein Herr und kein Bach gab ihm diesen Namen, sondern — so will es die städtische Überlieferung — ein kranker Kurfürst, der 1360 darüber im Sterben lag, und ein alter Winzer, der ihm ein Fässchen seines besten Weines brachte.
1 Der kranke Fürst auf Landshut
Im Jahr 1360, so erzählt man in Bernkastel, lag Boemund II., Kurfürst und Erzbischof von Trier, krank auf Burg Landshut. Die Burg, seit 1277 hoch über dem Städtchen errichtet, war Sommerresidenz der Trierer Kirchenfürsten: kühl in der Hitze, sicher hinter schweren Mauern und mit Blick auf die weite Schleife, die die Mosel um die Dächer legt. Doch von diesem Blick hatte der Fürst nichts. Er hatte Fieber, konnte keine Speise bei sich behalten und wurde von Tag zu Tag grauer.
Aus Trier kamen seine Leibärzte, aus Koblenz ein Wundarzt, aus Köln ein Gelehrter, der Latein und Arabisch las. Sie ließen ihn zur Ader. Sie gaben ihm Absude von Wermut und Tausendgüldenkraut, Pflaster aus gestoßener Wurzel, Pulver, die sich im Wein schwarz färbten. Sie besahen seine Zunge, rochen an seinem Atem und waren sich in allem uneins — nur in einem nicht: Der Kurfürst werde den Herbst nicht erleben.
Als der Fürst kaum noch sprach, ließ der Burgvogt das Tor für jeden öffnen, der Rat wusste. So stieg an jenem Mittag auch ein alter Winzer aus der Stadt die steile Treppe zur Burg hinauf, ein kleines Fass auf der Schulter.
2 Das Fass des Winzers
Die Knechte lachten ihn aus. Was wollte ein Mann mit Erdkrusten unter den Nägeln bei einem sterbenden Kirchenfürsten? «Herr,» sagte der Alte und setzte das Fass ab, «ich bin kein Doktor. Ich habe nur das hier. Es kommt vom Hang direkt unter Eurem Fenster.»
Jener Hang gehört zu den steilsten der Mosel — stellenweise steigt er bis fünfundsechzig Prozent an. Der Boden besteht aus verwittertem Schiefer, der tagsüber die Sonne speichert und sie nachts wieder abgibt, und der Fluss unten wirft das Licht ein zweites Mal an den Südhang hinauf. Dort reift der Riesling langsamer als irgendwo sonst, und wer solche Zeilen bearbeiten will, tut es von Hand oder gar nicht.
Man schenkte dem Kurfürsten einen Becher ein. Er trank und fiel danach in einen Schlaf, der einen Tag und eine Nacht währte. Die Ärzte flüsterten, das Ende sei nah. Am nächsten Morgen aber setzte sich Boemund auf, verlangte Brot und noch einen Becher und rief, als er den Winzer an der Tür stehen sah: «Der beste Doktor meines Landes wächst in diesem Weinberg!» Seither, sagt Bernkastel, heißt jene Lage der Doctor.
3 Weinberg, Städtchen und Wahrheit
Ehrlich bleibt ehrlich: Es ist eine schöne Geschichte, aber sie ist Stadtüberlieferung. Boemund II. regierte tatsächlich von 1354 bis 1362, und Landshut war wirklich eine Residenz der Trierer Kurfürsten — nur kennt keine mittelalterliche Quelle die Heilung. Der Name Doctor taucht erst im 17. Jahrhundert in den Akten auf, 1677 bei einer Erbschaft, und setzt sich im 18. Jahrhundert als Lagenname durch. Die Legende kam später, wie gute Legenden es oft tun: als der Wein längst berühmt war.
Unterhalb des Weinbergs liegt das Städtchen, das den Namen trägt. Am Markt steht zwischen den Fachwerkhäusern das schiefe Spitzhäuschen von 1416, schmal wie ein Keil und mit einem Obergeschoss, das breiter ist als der Unterbau. Über den Dächern steht die Ruine Landshut, seit einem Brand 1692 ohne Dach. Und jenseits des Flusses liegt Kues, wo 1401 Nikolaus von Kues geboren wurde, der Schifferssohn, der Kardinal, Mathematiker und Philosoph wurde. Erst am 1. April 1905 wurden beide Orte zu einer Stadt vereinigt.
Wer heute die Treppe zur Burg nimmt, geht an den Mauern des Doctor vorbei. Drei Hektar Schiefer, Riesling und ein Name aus einem Krankenlager, das es vielleicht nie gegeben hat.
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