Die Domherrengespenster von Konstanz
Das Konstanzer Münster ist eine der ältesten Kirchen am Bodensee. Doch wer nachts daran vorbeiging, hörte bisweilen seltsame Gesänge aus dem dunklen Kirchenschiff — die Geister von Domherren, die ihre ewige Schuld abtrugen.
1 Die nächtlichen Gesänge
Es war ein Winterabend, als der Nachtwächter von Konstanz zum ersten Mal die Stimmen hörte. Er ging seine Runde am Münster entlang, die Laterne in der Hand, als aus der verschlossenen Kirche ein Chor erklang — tief, feierlich und unverkennbar lateinisch. Der Nachtwächter blieb wie angewurzelt stehen. Die Kirche war abgeschlossen, die Domherren schliefen in ihren Häusern. Dennoch sangen dort Stimmen die Mette, so rein, als sei der Chor vollzählig.
2 Die Domherren im Kreuzgang
Ein mutiger Küster wagte es, in der folgenden Nacht in der Kirche zu wachen. Um Mitternacht sah er, wie sich die Türen des Kreuzgangs von selbst öffneten und eine Prozession von Gestalten in weißen Chorgewändern in die Kirche schritt. Es waren Domherren, doch ihre Gesichter waren bleich wie Pergament und ihre Augen starrten leer vor sich hin. Sie nahmen ihre Plätze im Chor ein und begannen, die Stundengebete zu singen, die sie zu Lebzeiten versäumt hatten — die Morgengottesdienste, die sie übersprungen, die Vespern, die sie gegen Wein und Würfelspiel eingetauscht hatten.
3 Die Erlösung im Morgengrauen
Jede Nacht kehrten sie zurück, und jede Nacht sangen sie ein Stück weiter in ihren rückständigen Gebeten. Der Bischof, vom verängstigten Küster gewarnt, ließ eine besondere Messe für die Seelen der säumigen Domherren lesen. Nach dieser Messe wurde es still im Münster. Die nächtlichen Gesänge verstummten, die Prozession erschien nicht mehr. Man sagte, die Geister seien endlich erlöst — ihre Schuld war beglichen, ihre Gebete waren nachgeholt, und sie konnten ruhen in dem Frieden, den sie zu Lebzeiten nicht gesucht hatten.
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