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Marktschellenberg, Bayern / Berchtesgadener Land

Der Eisriese von Schellenberg

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Die Schellenberger Eishöhle im Untersberg, auf 1568 Metern Höhe über Marktschellenberg im Berchtesgadener Land, ist eine der größten Eishöhlen Deutschlands: über 3500 Meter lang, mit Eismassiven bis zu fünfzig Metern Tiefe. Die Bauern nannten die Höhle «das Schlafzimmer des Eisriesen», denn darin schlief — nach alter Sage — ein Riese, den kein Mensch wecken durfte.

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1 Die Höhle im Berg

Hoch im Untersberg, dicht unter der Nordwand, liegt eine Höhle, in der Sommer und Winter minus fünf Grad herrschen. Die Wände sind aus reinem blauem Eis, gebildet aus Tausenden Jahren Regen, der durch den Kalkstein sickert. Die Höhle reicht drei Kilometer in den Berg, mit gewaltigen Eissäulen, Eisfällen und sogar einem unterirdischen Eissee. Die Schellenberger nannten sie die Eishöhle.

Die Bauern von Marktschellenberg, am Fuß des Untersbergs, gingen nie hinein. «Dort schläft der Eisriese,» sagten die Mütter zu den Kindern. «Weckt ihn nicht, sonst kommt der Sommer nie wieder.» Die Höhle war das Schlafzimmer eines Riesen, der den Winter brachte; solange er schlief, konnte der Sommer kommen. Erwacht er einmal — dann endet der Sommer in Bayern für immer.

2 Der Hirte Veit

Im Winter 1842 verirrte sich der junge Hirte Veit Aufschnaiter aus Marktschellenberg auf dem Untersberg. Er war mit seinen Schafen auf der Geiereck-Alm gewesen, ein Schneesturm zog auf, und er fand den Abstieg nicht mehr. Zwölf Stunden irrte er in den Sturmflocken. Als er endlich eine Öffnung in der Felswand fand, kroch er hinein, um dem Wind zu entgehen. Er fiel erschöpft in Schlaf.

Als Veit erwachte, war der Sturm vorbei. Er stand in einer Eishöhle, blau erleuchtet vom Licht, das von außen auf die Eiswände fiel. Vor ihm stand — kein kleiner Mensch, nicht einmal ein großer, sondern ein Riese von drei Metern, mit einem Eisbart bis zum Boden. Der Riese öffnete langsam ein Auge. Veit, todesbange, kroch rückwärts. Der Riese sprach mit einer Stimme wie Donner: «Wer weckt mich?»

3 Der Tausch

Veit sagte: «Ein Hirte aus Schellenberg. Verirrt im Sturm. Vergib mir, ich wusste nicht …» Der Riese dachte nach. «Du bist ein Mensch. Menschen wecken mich nicht ohne Folge. Du musst wählen: entweder du gehst hier weg, und in Bayern kommt von heute an ewiger Winter, oder du bleibst hier und schläfst an meiner Stelle, und ich gehe in die Welt hinaus zu sehen, wie es ist.»

Veit dachte an seinen Vater, seine Mutter, seine drei Schwestern. Er dachte an den Sommer. Er sagte: «Ich bleibe.» Der Eisriese stand auf, schüttelte den Bart, ging aus der Höhle. Veit legte sich an die Stelle, wo der Riese gelegen hatte. Er fiel sofort in Schlaf. Seither liegt Veit Aufschnaiter dort noch immer, in der Schellenberger Eishöhle, und der Sommer kommt jedes Jahr neu in Bayern. Wer die Höhle besucht und genau hinsieht, kann in einer bestimmten Eissäule am Ende des Ganges — so sagen die Führer — noch die schlafende Gestalt Veits sehen, mit seinem Hirtenmantel und seinem Schafsschuh. Der Eisriese geht jetzt in der Welt herum; wer er ist, weiß niemand. Vielleicht ist er irgendwo dein Nachbar.

Quelle: Bayrische Tradition von Marktschellenberg; J.A. Schöppner (1854); Aufzeichnungen der Berchtesgadener Bergwacht.
Wusstest du? Die Schellenberger Eishöhle wurde 1826 erstmals systematisch erforscht. Seit 1925 ist sie für Touristen zugänglich — über eine drei Stunden lange Wanderung von Marktschellenberg. Das Eis in der Höhle ist über 3000 Jahre alt und wächst noch immer, durch eindringendes Regenwasser, das sofort gefriert.
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