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Neustadt-Glewe, Mecklenburg-Vorpommern / Lewitz

Glewes Untergang

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Nordwestlich von Neustadt-Glewe, am Rande der weiten Lewitz, liegt ein tiefer, trichterförmiger See, wo man in einer sonst seenarmen Landschaft keinen erwartet. Der Neustädter See ist ein Einsturzsee: sein Becken sank in nacheiszeitlicher Zeit ein, als unterirdische Salzlager ausgewaschen wurden. Er fällt steil auf einunddreissig Meter ab. Wo das Wasser heute steht, so erzählt man in der Stadt, habe einst das alte Glewe gestanden, eine Stadt voller Türme und Glocken. Sie ist untergegangen, und der See deckt sie zu.

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1 Der Einsturzsee in der Lewitz

Der Neustädter See ist ein seltsames Gewässer. In der flachen, wasserreichen und doch seenarmen Lewitz südlich von Schwerin liegt er wie ein Fremdkörper: rund, still, von einem dichten Baumgürtel umschlossen, und ungewöhnlich tief. Kaum tausend Meter misst er in der Länge, doch er fällt trichterförmig auf einunddreissig Meter ab. Nennenswerte Zuflüsse hat er nicht. Sein Becken entstand nicht durch das Eis der letzten Kaltzeit, sondern durch Absenkung: tief im Untergrund löste das Grundwasser alte Salz- und Gipslager auf, das Erdreich darüber verlor seinen Halt und brach ein. So einen See nennt man einen Einsturzsee, und die Erde hat hier tatsächlich einmal gebebt und sich gesenkt.

Am südlichen Rand der Lewitz, wenige Schritte vom Wasser, steht das Wahrzeichen der Stadt: die Alte Burg, die älteste erhaltene Wehrburg Mecklenburgs, Mitte des dreizehnten Jahrhunderts auf einer natürlichen Düne der Elde errichtet. Der Name Glewe ist noch älter. Er geht auf ein altpolabisches Dorf Chlewa zurück, dessen Name so viel wie Stall bedeutete. 1248 wurde daneben eine Nova Civitas gegründet, eine Neustadt, und der alte Name Glewe verschwand für Jahrhunderte, bis die Stadt ihn 1926 wieder annahm. Das steinerne Glewe steht also bis heute. Das andere Glewe, sagt man, ruht auf dem Grund des Sees.

2 Die versunkene Stadt

Wo sich heute der See erstreckt, soll früher eine kleine, prächtige Stadt gestanden haben, mit vielen schönen Häusern, mächtigen Türmen und herrlichen Glocken. Reich war sie, doch ihre Bewohner waren unordentlich, übermütig und streitsüchtig. Sie kannten keine Bescheidenheit und trieben ihren Hochmut immer weiter. Eines Tages brach über ihnen das Strafgericht herein. Unter Grollen und Beben tat sich die Erde auf, die Stadt sank in die Tiefe, und über Häusern, Türmen und Menschen schloss sich das Wasser. Von all ihrer Pracht blieb keine Spur, nur der stille See.

Eine andere Fassung erzählt nicht von einer Stadt, sondern von einem Kloster, das an dieser Stelle wegen des gottlosen Lebens seiner Bewohner versunken sei. Kein Dokument und keine Urkunde nennt je ein Kloster in Neustadt, und doch hat sich ein längeres Gedicht über den Untergang bewahrt. In hellen Mondnächten, so heisst es, erscheint am Ufer eine klagende Klosterfrau, und wenn sie sich zeigt, holt sich der See ein Opfer. Von einem Fuhrmann wird erzählt, der mit Pferden und Wagen im dunklen Wasser verschwand und nie wieder auftauchte.

3 Die Glocken am Johannistag

Ganz verstummt ist das versunkene Glewe jedoch nicht. Wer ein Glückskind ist, am Johannistag zur Mittagsstunde ans Ufer tritt, sich ins Gras legt und das Ohr fest auf den Boden drückt, der hört es aus der Tiefe: dumpf und fern das Läuten der Glocken, die einst über der Stadt hingen. Nur an diesem einen Tag, nur um diese eine Stunde, und nur, wer mit der Glückshaube geboren wurde, dringt der Klang bis nach oben. Danach schweigt der See wieder und liegt so glatt und harmlos da wie zuvor.

Vielleicht ist dies das Älteste an der ganzen Sage: die Erinnerung an ein wirkliches Einbrechen der Erde, weitergegeben von Geschlecht zu Geschlecht, bis niemand mehr zu deuten wusste, was einst geschah. Noch 1867 hiess das Gewässer der Weisse See. Die Geologen sprechen heute nüchtern von ausgelaugten Salzlagern und eingestürztem Untergrund. Doch die Stadt erzählt lieber von Türmen und Glocken. Und wer am Abend am dunklen, tiefen Wasser steht und zur Alten Burg hinüberblickt, die nicht versank, versteht, warum die alte Geschichte vom Untergang des einen Glewe so hartnäckig weiterlebt.

Quelle: Volkssage aus Neustadt-Glewe nach G. Düker, Neustadt-Glewe. Eine mecklenburgische Kleinstadt; Kultur- und Heimatverein Neustadt-Glewe; Sagen- und Märchenstrasse Mecklenburg-Vorpommern.
Wusstest du? Der Neustädter See ist ein Einsturzsee: sein trichterförmiges Becken entstand, als tief im Untergrund alte Salzlager ausgewaschen wurden und das Erdreich darüber einbrach. Mit einunddreissig Metern ist er ungewöhnlich tief. Die Sage vom versunkenen Glewe bewahrt vielleicht die Erinnerung an dieses wirkliche Absinken der Erde.
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