Die Kanonenkugel im Uracher Schloss
Während des Dreißigjährigen Krieges war die Bergfestung Hohenurach von Schweden besetzt, während die kaiserlichen Truppen das Städtchen Urach bereits eingenommen hatten. Im Schloss unten in der Stadt bereiteten sich die Kaiserlichen auf ein Festmahl vor — bis eine wohlgezielte Kanonenkugel das Fest buchstäblich zertrümmerte. Die Sage davon lebt in Bad Urach fort, mit der zerschmetterten Marmortischplatte als Beweisstück.
1 Die Festung oben, die Kaiserlichen unten
Im letzten Kapitel des Dreißigjährigen Krieges hatte die Festung Hohenurach eine schwedische Besatzung, die sich auf der hohen Felsenwand über der Stadt verschanzt hielt. Die kaiserlichen Truppen, im Vormarsch nach ihren Siegen, hatten die Festung nicht erstürmen können, doch sie hatten das Städtchen Urach unten besetzt und Quartier im prächtigen Schloss der Herzöge von Württemberg bezogen.
Die kaiserlichen Offiziere waren bester Laune, denn sie hatten gerade die Nachricht erhalten, dass auch die Stadt Ulm in kaiserliche Hand gefallen sei. Das wollten sie standesgemäß im Goldenen Saal des Schlosses feiern — dem Prunkzimmer mit der weitberühmten Marmortischplatte, samtenen Wandbehängen und goldenen Verzierungen. Wein wurde aufgetragen, ein Bankett bereitet, und bald füllte sich der Saal mit der lauten Heiterkeit der Sieger.
2 Der Schuss des Kommandanten
Der schwedische Festungskommandant von Hohenurach bekam Wind vom Fest. Aus seiner Festung hoch über der Stadt konnte er durch sein Fernrohr direkt in die Fenster des Goldenen Saales schauen. Er rief seine Kanoniere, ließ eine Kanone auf das Schloss richten und gab Feuerbefehl. Die Entfernung war groß, und der Winkel musste vollkommen sein.
Eine wohlgezielte Kanonenkugel sauste durch die Sommerluft, schlug quer durch das hohe Fenster des Goldenen Saales und traf mit voller Wucht die Marmortischplatte mitten in der Festtafel. Das Marmor zerbarst in Scherben, Wein spritzte gegen die Wandbehänge, und die Kaiserlichen stürzten erschreckt zum Ausgang. Doch kein Mensch, so sagt die Sage, wurde getroffen.
3 Das Beweisstück
Bis heute zeigt man im Uracher Schloss die zertrümmerte Marmortischplatte als Beleg der alten Sage. Neben der zerbrochenen Platte liegt die Kanonenkugel selbst, eine runde Eisenkugel, kühler als kalt, mit den Spuren des schwedischen Gusses noch erkennbar.
Wer das Schloss Urach besucht, kann die Geschichte noch heute von den Führern erzählen hören. Die Hohenurach, einst eine der stärksten Festungen Württembergs, wurde 1765 auf Befehl Herzog Karl Eugens geschleift. Nur die Ruine zeigt noch die Stelle, von der aus der schwedische Kommandant seinen wohlgezielten Schuss abfeuerte.
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