Shield
Ratzeburg, Schleswig-Holstein / Lauenburg

Das Kegelspiel in der Mauer des Ratzeburger Doms

Tier 0+ - Publiek 4 min Sage
Flag
Advertentie
OthalaOthalaHandgebouwde websites die je zelf bezit

Ratzeburg liegt auf einer Insel im Ratzeburger See, mitten im Seenland von Lauenburg, und am nördlichen Ende der Stadt, auf dem höchsten Punkt, erhebt sich der Dom, eine Backsteinkirche, die Heinrich der Löwe um 1165 zu bauen begann. Wer heute um das Gebäude geht, sieht im Mauerwerk eine Reihe runder Kanonenkugeln stecken, ordentlich gesetzt wie die Kegel eines Kegelspiels. Nur der mittlere, der König, fehlt. Die Ratzeburger erzählen dazu eine Sage, die auf die Belagerung von 1693 zurückgeht, als dänische Truppen die Stadt in Schutt und Asche schossen.

HW HW

1 Die Festung auf der Insel

Die Stadt lag geschützt im Wasser. Zwei Brücken verbanden die Insel mit dem Festland, später durch Dämme ersetzt, und solange die Geschütze noch schwer und ungenau waren und der See von ansehnlicher Breite, galt Ratzeburg als Festung von Bedeutung. Rings um die Stadt standen Pfähle im Wasser, vor den Toren lagen Wälle, und hinter diesen Wällen lebte eine Stadt von Fischern, Handwerkern und Chorherren, die ihren Dom seit fünf Jahrhunderten über die Dächer ragen sahen. Wer die Stadt nehmen wollte, musste erst über das Wasser und dann durch das Feuer der Wälle.

1693 kam diese Probe. Im Streit um das Herzogtum Lauenburg, das nach dem Aussterben des alten Fürstenhauses von mehr als einer Partei beansprucht wurde, zog das Heer des dänischen Königs Christian des Fünften vor die Stadt und beschoss sie tagelang. Die Häuser brannten, die Stadt sank in Schutt und Asche, und nur der Dom auf seiner Höhe blieb stehen, beschädigt, doch aufrecht. In diesem Mauerwerk blieben die Kugeln stecken, die seither dort sitzen. So weit reicht die Geschichte, und sie ist in den Chroniken verzeichnet. Was die Ratzeburger hinzufügen, reicht weiter.

2 Die Wette

Vor der Stadt, so erzählt die Sage, lag unter den Dänen ein Kanonier, der als Schütze berühmt war. Kein Ziel war ihm zu klein, keine Entfernung zu groß, und man sagte, er könne eine Kugel setzen, wohin er nur wolle. Die Hannöverschen, welche die Stadt hielten, schlossen mit den Belagerern einen merkwürdigen Vertrag, denn auch sie waren der langen Belagerung müde. Könnte jener Schütze ein ganzes Kegelspiel in die Mauer des Doms schießen, neun Kugeln in der Ordnung, in der die Kegel auf der Bahn stehen, so sollte die Stadt sich ergeben. Verfehlte er auch nur einen Kegel, so sollte das ganze Heer abziehen und Ratzeburg in Ruhe lassen.

Es war eine Wette, in die die ganze Stadt ihr Schicksal legte. Auf der einen Seite eine Mauer und ein ferner Schütze, auf der anderen Tausende Leben und eine Stadt, die schon halb in Flammen stand. Der Schütze nahm auf einer Schanze Platz, die in der Vorstadt aufgeworfen war, bei der Vogelstange, wo man sonst nach dem hölzernen Vogel schoß, und richtete sein Rohr auf die Flanke der Kirche. Die Bürger sahen hinter ihren Fenstern zu, manche beteten, und zählten bei jedem Schuss mit.

3 Was in der Mauer blieb

Kugel um Kugel schlug ein, und jedes Mal an der Stelle, die der Schütze bestimmt hatte. Das Muster wuchs, Kegel um Kegel, bis in der Mauer des Doms ein ganzes Kegelspiel stand. Es fehlte nur noch ein Schuss, der mittlere Kegel, der König. Ginge auch der hinein, so war die Stadt verloren und die Wette entschieden. Die Ratzeburger hielten den Atem an.

Da lud ein Hannöverscher Kanonier auf dem Wall sein eigenes Rohr, richtete es ruhig auf den Dänen und schoss ihm, gerade vor dem letzten Schuss, den Kopf vom Rumpfe. Der König kam nie in die Mauer. Das Heer, das seine Wette verloren hatte, hielt Wort und zog ab, und die Stadt, die schon verloren schien, war gerettet.

Darum, sagen die Ratzeburger, sieht man bis auf den heutigen Tag das Kegelspiel in der Mauer des Doms, nur der König fehlt. Es sitzt am Giebel des südlichen Querschiffs, wo die acht Kugeln noch immer das Muster der Kegelbahn zeichnen. Im 19. Jahrhundert zeichneten die Sammler Karl Müllenhoff und Karl Bartsch die Geschichte aus dem Mund der Gegend auf. Bartsch fügte hinzu, dass inzwischen eine der acht Kugeln herausgefallen sei. Wer heute an der Südseite des Doms entlanggeht und hinaufblickt, kann die Kegel noch immer im alten Backstein suchen und sich fragen, wo der König geblieben ist.

Quelle: Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Kiel 1845, Nr. 88; Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, 1879/80, Nr. 481.
Wusstest du? Der Ratzeburger Dom ist der älteste der vier sogenannten Löwendome, gestiftet von Heinrich dem Löwen, neben denen von Schwerin, Lübeck und Braunschweig. Bei der Belagerung von 1693 wurde die Stadt selbst größtenteils zerstört, während der Dom an der Nordspitze der Insel nur beschädigt wurde. Das Kegelspiel ist am Giebel des südlichen Querschiffs zu sehen und gilt als eine der bekanntesten Sagen der Gegend.
Heimweer Heimweer

Heimweer.be — Europees Erfgoed Bewaard