Die weiße Frau im Bergfried von Praßberg
Über dem Tal der Argen, nahe dem Weiler Beutelsau bei Wangen im Allgäu, ragt der Bergfried der Ruine Praßberg aus dem Wald. Die Burg wurde 1123 im Auftrag des Klosters St. Gallen gegründet, bis 1835 war sie bewohnt, seither zerfällt das Gemäuer. Wer an einem stillen Nachmittag den steilen Weg hinaufsteigt, den erwartet nach alter Überlieferung mehr als kalter Stein. In einer Maueröffnung des Turms, so erzählt man sich im Allgäu, zeigt sich bisweilen ein weißgekleidetes Fräulein, sogar am helllichten Tag. Der Sammler Karl Reiser hat die Sage 1895 festgehalten. Sie handelt von einer verbotenen Liebe, einer Flucht bei Nacht und einem Vater, der dafür sterben musste.
1 Das Lied aus der Mühle
Auf Praßberg lebte der Ritter mit seiner einzigen Tochter, dem Burgfräulein. Sie galt als die schönste weit und breit, und ihr Vater hatte sie längst versprochen: einem Ritter von Ratzenried, dessen Burg nur wenige Wegstunden entfernt lag. Die Heirat war beschlossen, der Tag beinahe bestimmt, die Güter der beiden Häuser schon in Gedanken vereint. Das Fräulein aber hatte den fremden Bräutigam nie ins Herz geschlossen. Sie fügte sich dem Willen des Vaters, wie es die Sitte verlangte, und schwieg.
Tief unter der Burg, am Ufer der Argen, klapperte die Praßbergmühle. Dort diente ein Mahlknecht, ein bildhübscher junger Mann, der an den langen Abenden zu singen und zu spielen pflegte. Sein Lied stieg den bewaldeten Hang hinauf, über Zwinger und Ringmauer, bis in die Kammer des Fräuleins hoch oben im Turm. Sie trat ans Fenster, sie lauschte, und Abend für Abend zog es sie stärker hinab zum Wasser. Was der Vater mit Gold und Verträgen so sorgfältig geordnet hatte, löste eine einzige Melodie in wenigen Wochen wieder auf. Das Herz des Burgfräuleins gehörte nicht dem Ritter auf seinem hohen Ross, sondern dem armen Knecht an der Mühle im Grund.
2 Die Flucht an der Strickleiter
Was die beiden verabredeten, geschah in einer mondlosen Nacht. Der Knecht befestigte heimlich eine Strickleiter am Turm, und das Fräulein stieg aus der Kammer hinab, aus der es sonst nur auf die dunklen Wälder geblickt hatte. Ohne ein Wort glitten die beiden durch das schlafende Burggelände, erreichten das Tal und waren verschwunden, ehe im Morgengrauen die erste Magd erwachte.
Wenige Tage darauf ritt der Ritter von Ratzenried mit stattlichem Gefolge heran, um seine Braut heimzuführen. Doch die Kammer war leer, die Leiter hing noch an der kalten Mauer, und von dem Fräulein fehlte jede Spur. Zorn und Schande trafen die Burgherren zugleich. Zwischen dem betrogenen Ritter und dem Vater, dem alten Ritter von Praßberg, entbrannte ein heftiger Streit, denn einer gab dem anderen die Schuld an der Schmach. Aus harten Worten wurde ein Handgemenge, aus dem Handgemenge blanker Stahl. Als die Knechte die Männer endlich trennten, lag der Ritter von Praßberg erstochen in seinem eigenen Hof. So kostete die heimliche Liebe den Vater das Leben, und der Name des Fräuleins blieb für immer an diesen Tod gebunden.
3 Weiß in der Maueröffnung
Die Flucht brachte dem Fräulein kein Glück. Weil es den Tod des eigenen Vaters verschuldet hatte, fand seine Seele im Grab keine Ruhe, und es musste in eben dem Turm spuken, aus dem es einst entflohen war. Seither zeigt sich in einer Maueröffnung des Bergfrieds eine weißgekleidete Gestalt, nicht nur zur Geisterstunde, sondern am helllichten Tag, meist gegen Abend oder zwischen drei und fünf am Nachmittag.
Man erzählt, Offiziere hätten von einem Gasthaus unten im Tal aus die weiße Frau durch ihr Fernrohr betrachtet, so deutlich stand sie in der Öffnung des Gemäuers. Wer heute zur Ruine steigt, sieht den siebzehn Meter hohen Turm, dessen unterstes Geschoss einst ein finsteres Verlies war, dazu Reste von Ringmauer und Zwinger und die Wände der Georgskapelle von 1414. Der Bau ist stärker verfallen als noch vor hundert Jahren, doch die Sage hält sich, so wie Karl Reiser sie 1895 aufgezeichnet hat. Und mancher Wanderer blickt noch immer zur oberen Öffnung des Bergfrieds hinauf und fragt sich, ob dort nicht ein Schimmer Weiß im dunklen Gestein steht.
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