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Bayrischzell, Bayern / Oberbayern

Der Wilde Jäger

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In den Wäldern um den Wendelstein, in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, rast der Wilde Jäger durch Bayern. An der Spitze reitet Wuotanis — in heidnischer Zeit Wodan, in christlicher Zeit ein verfluchter König — mit Hunden, Geistern und verstorbenen Jägern hinter sich. Wer die Jagd hört und zu Hause bleibt, ist sicher. Wer ihr ins Auge sieht, verschwindet.

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1 Die Jagd in den zwölf Nächten

In Bayern weiß man: zwischen dem ersten Weihnachtstag und Dreikönig reitet der Wilde Jäger. Zwölf Nächte, die sogenannten Raunächte, darf keine Frau waschen, kein Mann jagen, kein Kind nach Sonnenuntergang draußen sein. Denn dann zieht durch die Wälder ein Trupp Reiter — gefolgt von Hunden, Jagdhörnern, schreienden Stimmen und einem Wind, der alles flach legt. Der Anführer ist Wuotanis, in Weiß gekleidet, auf einem achtbeinigen Pferd, mit einem Auge, das wie eine Laterne leuchtet.

Die Bauern in Bayrischzell, am Fuß des Wendelsteins, schließen in jenen Nächten ihre Türen mit einem Hufeisen verkehrt. Das Hufeisen weist den Wilden Jäger ab. Wer es vergisst, findet morgens sein Vieh verschwunden oder sein Dach weg.

2 Der Jäger Sepp

1817 war in Bayrischzell ein junger Jäger, Sepp Auer, der nicht an den Wilden Jäger glaubte. Am Silvesterabend ging er — gegen den Rat seiner Mutter — allein in den Wald, um ein Reh zu schießen. Er wollte es zu Hause als Neujahrsbraten haben. Es war heller Mondschein.

Mitten im Wald hörte er Hörner. Er dachte: andere Jäger. Er wartete. Die Hörner kamen näher. Dann hörte er Hunde. Er wartete weiter. Da kam Wind, als ob ein Sturm aufzog. Sepp sah am Mondhimmel einen Reiter, in Weiß, mit einem leuchtenden Auge. Er erstarrte. Der Reiter brauste vorbei und winkte ihm zu. «Spring auf!» rief eine Stimme. Sepp wusste nicht, wer er war, doch sprang auf das achtbeinige Pferd.

3 Das Ende der Jagd

Der Wilde Jäger nahm Sepp mit. Eine ganze Nacht ritten sie durch Wälder, die Sepp nicht kannte. Sie töteten vier Hirsche, zwei Wildschweine und einen großen Fuchs. Sepp trank aus einem Horn, das ihm gereicht wurde; es war Blut. Gegen Morgen ließ ihn der Wilde Jäger auf dem Wendelsteingipfel fallen, mit den Worten: «Nicht mehr in meiner Nacht jagen, Sepp Auer. Ich bin der echte Jäger hier.»

Sepp wurde am Neujahrsmorgen von seinem Vater gefunden, schlafend auf dem Gipfel, drei Stunden Weg von wo er nachts gewesen war. Er sprach sechs Monate kein Wort. Als er endlich wieder sprach, erzählte er von Wuotanis. Niemand glaubte ihm. Doch er jagte nie wieder zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar. Und in Bayrischzell hängen bis heute an jenen Abenden die Hufeisen verkehrt an den Türen.

Quelle: Bayrische mündliche Tradition; J.A. Schöppner (1854); J. Grimm, «Deutsche Mythologie» (1835); Zwölftens-Folklore.
Wusstest du? Die Wilde-Jagd-Sage hat in Bayern ihre spezifische Form: sie findet während der zwölf «Raunächte» zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar statt. In den Wäldern um den Wendelstein, den Sudelfeldsattel und bei Bayrischzell wird sie bis heute «gehört» nach lokalen Bauern.
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