Die Morgans von Ouessant
Auf den Klippen von Ouessant, am äussersten Westen der Bretagne, leben die Morgans — bret. Morganed — halb Mensch, halb Fisch. Auch Sirenen oder Meerfrauen genannt. Sie entführen schöne Seeleute in ihre Bernsteinpaläste unter dem Atlantik.
1 Der Seemann Yannick
1788 fiel der junge Seemann Yannick Queféléc — zweiundzwanzig, berühmt für seine Schönheit auf Ouessant — ins Meer im Allerheiligensturm. Die Gefährten hielten ihn für ertrunken. Sie brachten der Witwe Marie-Anne seine Schuhe und sein Kreuz. Marie-Anne, zwanzig, schwanger, weigerte sich zu glauben. Zwölf Jahre ging sie jeden Sonntag zur Stiff-Klippe, blickte aufs Meer. Nach zwölf Jahren, eines Abends, hörte sie singen. Es war Yannick. Er sagte: «Ich bin bei den Morgans. Sie halten mich am Leben. Aber ich kann nur eine Nacht im Jahr heraufkommen, in der Allerheiligennacht, und nur wenn du nie einen anderen geliebt hast.» Marie-Anne hatte nie einen anderen geliebt.
2 Die zwölf Nächte
Von 1800 bis 1812, jede Allerheiligennacht, kam Yannick herauf. Er blieb bis zum Hahnenschrei. Marie-Anne erzählte ihm das Ouessant-Jahr; er ihr die Bernsteinpaläste, die Korallenharten, die Morgan-Kinder, die das Bretonisch aus seinem Mund lernten. 1812 sagte er: «Dies wird die letzte. Ich habe den Morgans versprochen zu bleiben. Unser Sohn, den du trugst, als ich ertrank, ist jetzt Matrose, ich sah ihn gestern auf seinem Boot. Er ähnelt mir. Das genügt mir.» Marie-Anne weinte nicht. Sagte: «Geh. Ich bin alt vor nächstem Allerheiligen und ich will nicht, dass du mich alt siehst.» Yannick stieg ins Meer. Marie-Anne starb 1838 mit achtundfünfzig. In Lampaul-Ouessant begraben. Auf ihrem Grab: «Marie-Anne Queféléc, die einen einzigen Mann liebte und ihn geduldig erwartete.»
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