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Angers, Pays de la Loire / Maine-et-Loire

Der Apokalypse-Teppich von Angers und die Orangenbäume

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Im Schloss von Angers, hinter siebzehn Türmen aus dunklem Schiefer, zieht sich eine lange Galerie hin, in der das Licht mit Absicht niedrig gehalten wird. An der Wand hängt der größte erhaltene Wandteppich des Mittelalters: die tenture de l’Apocalypse, gewebt nach der Offenbarung des Johannes. Was dort hängt, ist nicht das ganze Werk. Es ist das, was ein Domherr des neunzehnten Jahrhunderts Stück für Stück von Bauern, Gärtnern und Stallknechten zurückgekauft hat, nachdem der Teppich fast ein halbes Jahrhundert als Abfall durch das Anjou gewandert war.

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1 Hundertvierzig Meter Offenbarung

Um 1375 gab Ludwig I. von Anjou, Bruder König Karls V., einen Wandteppich ohnegleichen in Auftrag. Der Hofmaler Hennequin de Bruges — auch Jean Bondol genannt, aus Flandern stammend — zeichnete die Kartons und lieh sich dafür eine illuminierte Handschrift aus der königlichen Bibliothek. Gewebt wurde in Paris, in der Werkstatt, die auf den Namen Nicolas Bataille läuft, in Wolle und mit Faden aus vergoldetem Silber. In etwa sieben Jahren war das Werk fertig.

Die Maße sind kaum zu fassen: rund hundertvierzig Meter lang und sechs Meter hoch, verteilt auf sechs Stücke von je gut zwanzig Metern. Neunzig Szenen entrollten sich in zwei übereinanderliegenden Reihen vor abwechselnd rotem und blauem Grund. Jedes Stück begann mit einem großen sitzenden Leser unter einem Baldachin, einer Gestalt, die das Buch aufschlägt und den Betrachter gleichsam hineinwinkt.

Dann folgte die ganze Offenbarung: die vier Reiter, die Frau mit der Sonne bekleidet und dem Mond unter den Füßen, das Tier, das aus dem Meer steigt, der Fall Babylons und der Drache, der dem heiligen Michael unterliegt. Wer davorstand, blickte hinauf und las die Reihen ab, wie man heute einen Comic liest, von Bild zu Bild. König René vermachte den Teppich der Kathedrale von Angers, wo er an den großen Festtagen aufgehängt wurde.

2 Stalldämmung und Orangenbäume

Vier Jahrhunderte später hatte sich der Geschmack gedreht. Im achtzehnten Jahrhundert galt das mittelalterliche Werk als grob, altmodisch und abgenutzt; man wollte lieber glatte barocke Stoffe an der Wand. 1782 wurde die tenture endgültig aus der Kathedrale geholt. Man bot sie zum Verkauf an, und es fand sich kein Käufer. Die Revolution tat das Übrige: Kirchengut wurde Staatsgut, und niemand kümmerte sich mehr um einen alten Lappen.

Was folgte, ist das seltsamste Kapitel dieses Werkes. Die Bahnen wurden mit der Schere zerschnitten und nach Brauchbarkeit verteilt. Teile der Offenbarung dienten als Dämmung an den Wänden von Pferdeställen. Andere Stücke wurden im Winter um die Stämme von Orangenbäumen gebunden, gegen den Frost. Wieder andere dienten als Plane auf einem Karren, als Bodenteppich oder als Fußabtreter. Der Drache und die Reiter lagen jahrelang mit der Bildseite nach unten im Schlamm eines Bauernhofs.

3 Der Domherr, der Fetzen aufkaufte

1843 wurde Domherr Joubert mit dem Schatz der Kathedrale betraut. Er fand in einer Ecke noch einige Lappen, erkannte, was sie waren, und begann ein Werk, das ihn den Rest seines Lebens kosten sollte: das Aufspüren und Zurückkaufen der verstreuten Stücke. Er zog von Dorf zu Dorf, verhandelte mit Leuten, die nicht verstanden, warum jemand Geld für einen alten Lappen bot, und ließ jedes Fragment reinigen, glätten und ausbessern.

Etwa zwei Drittel wurden so gerettet: knapp hundert Meter mit einundsiebzig Szenen. Der Rest ist für immer verschwunden. Seit 1954 hängt das Ganze in einer eigens dafür im Schloss von Angers errichteten Galerie, in gedämpftem Licht, mit einer Bank davor für alle, die die Reihen ablesen wollen.

Das Werk wirkte weiter. 1938 sah der Maler Jean Lurçat die tenture zum ersten Mal und beschrieb sie als Schock. Zwanzig Jahre später begann er in Angers mit Le Chant du Monde, zehn monumentalen Wandteppichen, die sich als moderne Antwort auf die Offenbarung lesen lassen: keine Engel und Drachen, sondern die Atombombe und der Mensch im Weltall. Zwei Apokalypsen, sechshundert Jahre auseinander, in derselben Stadt.

Quelle: Kapitelarchiv der Kathedrale Saint-Maurice in Angers; Testament König Renés von Anjou; Ankaufsregister und Restaurierungsnotizen des Domherrn Joubert (ab 1843); Akten des Centre des monuments nationaux.
Wusstest du? Der erhaltene Teil bedeckt noch immer rund achthundertfünfzig Quadratmeter Gewebe und gilt damit als größter mittelalterlicher Wandteppich der Welt. In der Galerie des Schlosses brennen kaum fünfzig Lux Licht, weil die pflanzlichen Farbstoffe unwiederbringlich verblassen; die Rückseite, jahrhundertelang im Dunkeln, zeigt noch die ursprüngliche Leuchtkraft von Rot und Blau. Im Mai 2023 nahm die Unesco die tenture in ihr Memory-of-the-World-Register auf. Und das Chant du Monde von Jean Lurçat hängt wenige Straßen weiter, im mittelalterlichen Hôpital Saint-Jean jenseits der Maine.
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