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Ieper, West-Vlaanderen

Die Einbrüche von Sint-Juliaan

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Sint-Juliaan liegt einen Steinwurf von Ypern entfernt, ein kleines Dorf, das sich im westflämischen Schlamm zu Hause fühlt. Im siebzehnten Jahrhundert waren die Häuser dort nicht viel mehr als Befestigungen gegen den Wind und die Kälte — und gegen das, was noch schlimmer sein konnte: das Unsichtbare.

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1 Die Erste Nacht

Es begann im Oktober, in einer Nacht, als der Nebel so dick war, dass die Männer von Sint-Juliaan ihre Hand nicht vor dem Gesicht sehen konnten. Petrus, ein wohlhabender Bauer, wurde durch das Geräusch von zerbrochenem Glas geweckt. Er nahm einen Kerzenleuchter und ging zu seinem Schuppen, wo alle Vorräte gelagert waren. Was er dort fand, ließ sein Blut gefrieren: Die Türen waren aufgebrochen, aber nicht wie normalerweise. Die hölzernen Türrahmen waren nicht gerissen — sie sahen aus, als wäre jemand hindurch gegangen, als wäre es Wasser.

Am nächsten Tag wurden drei Häuser heimgesucht. Bei Marieke, der Witwe eines Fischer, war der Zucker gestohlen worden — sehr seltsam, denn er war in einem verschlossenen Topf. Der Käse von Willem war weg, und ein ganzer Vorrat Leinen bei Familie Bomans. Aber das Seltsamste war nicht, was weg war, sondern wie es verschwunden war. Keine Fußabdrücke im Schlamm. Nichts Kaputtes. Nur — Abwesenheit.

In zwei Wochen wurden neunzehn Häuser heimgesucht. Das Dorf war in Panik. Männer wächten die ganze Nacht mit Fackeln und Speeren, aber sahen niemals etwas. Und doch — jedes Morgen aufs Neue — waren Dinge verschwunden.

2 Die Gerüchte Wächsen

Der Dorfpfarrer, Pater Jansens, versuchte, Ordnung zu schaffen. Er hielt Predigten über Wachsamkeit und Vertrauen in Gott, aber selbst zweifelte er zunehmend. Das war kein gewöhnlicher Diebstahl. Das hatte Zeichen von — etwas anderem. Die Dorfbewohner flüsterten hinter ihren Händen. Einige sagten, dass es eine verfluchte Seele war, jemand, der nicht ruhen konnte und daher nachts umherirrte. Andere sprachen von Brielen’s berühmtester Tochter: Marieke die Teuflische, eine Frau, die vor dreißig Jahren verbrannt und der Hexerei angeklagt worden war.

“Was ist, wenn sie es ist?” flüsterte Jantje, ein junger Knecht. “Was ist, wenn sie zurückgekommen ist, um sich zu rächen?”

Der Priester verzog das Gesicht. “Häresie. Wir nennen ihren Namen nicht mehr.” Aber auch er sah ängstlicher aus als zuvor.

Derweil wuchs die Zahl der Einbrüche. Nun wurden nicht nur Vorräte gestohlen, sondern auch Kleidung aus Schränken, Geld aus versteckten Orten, sogar eine ganze Kuh aus Petrus’ Stall — ohne dass jemand das Tier löhen hörte. Die Diebe — denn es mussten Diebe sein — schienen unsichtbar. Sie schienen durch Mäuer hindurchgehen zu können.

3 Die Gestalt im Nebel

Eines Nachts konnte Petrus nicht mehr standhalten. Er ging nach außen, bewaffnet mit einem Küchenmesser, das wahrscheinlich weniger wert war als seine eigene Furcht. Der Nebel kroch um ihn herum wie etwas Lebendiges.

“Komm heraus!” rief er ins Nichts. “Zeig dich selbst!”

Der Nebel zitterte. Und dann — dort, am Rande des Lichts seiner Fackel — sah Petrus eine Gestalt. Es war eine Frau, oder ihr Schatten. Sie trug Kleidung aus einer früheren Zeit, und ihr Gesicht sah aus, als wäre es durch Feuer gegangen. Sie bewegte sich nicht, aber ihre Augen — ihre Augen waren auf Petrus gerichtet, und in diesem Blick lag so viel Schmerz und so viel Wut, dass der Bauer auf die Knie fiel.

“Rächen,” hörte er flüstern. “Rächen... niemand gab mir... rächen.”

Petrus schloss die Augen und betete. Als er sie öffnete, war die Gestalt weg. Aber die Angst blieb. Denn jetzt wussten sie alle sicher: Das war Marieke. Sie war zurückgekommen, und sie war hungrig.

Quelle: Volksverhalen van België, VVB ID 16489
Wusstest du? Brielen und Sint-Juliaan sind kleine Gemeinden in der Nähe von Ypern, dicht bei den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Westflandern hat eine lange Tradition von Überlieferungen über nächtliche Besuche und unnätürliche Erscheinungen.
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