Der sprechende Herr der Liebe von Ostende
Eine warnende Sage aus Ostende über Spott mit dem Heiligen und die Folgen des Unglaubens.
1 Die nächtliche Gewohnheit
In Ostende, an der Nordsee, wo die Wellen ewig gegen die Felsen brausen, lebte ein Mann, der jede Nacht zum Friedhof ging. Dies war kein gruseliger Mann, kein Geist, der Rache suchte, nein — es war nur eine nächtliche Gewohnheit, die er aufgrund seiner täglichen Beschäftigung entwickelt hatte. Jeden Abend, nach seinem Kartenspiel im Café, ging er am Friedhof vorbei nach Hause. Es war eine schnelle Route und sparte ihm viele Minuten Zeit.
Auf dem Friedhof stand eine alte Statue des Herrn der Liebe — vermutlich aus dem Mittelalter oder der Renaissance — mit ausgestreckten Armen in Segen. Das Gesicht der Statue war würdevoll und mild. Der Mann hatte Respekt vor dieser Statue, ein frommer Mann, obwohl er zu viel Bier und Wein trank.
Jedes Mal, wenn er vorbeikam, grüßte er die Statue: “Guten Abend, Herr der Liebe.” Dies war kein Spott, keine Blasphemie — es war nur eine einfache, freundliche Begrüßung. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr, sprach er die gleichen Worte. Die Statue antwortete natürlich nie. Sie war Stein — nur Stein. Aber der Mann fühlte sich in diesem stillen Dialog tröstlich.
2 Der Scherzbold
In einer bestimmten Nacht versteckten sich zwei Jungen auf dem Friedhof. Sie waren Freunde des Mannes, oder besser gesagt, sie dachten, seine Freunde zu sein. Diese beiden Jungen waren von grausamer Natur, verliebt in Witze, die anderen Schmerz zufügten. Sie hatten von der Gewohnheit des Mannes gehört und wollten ihn erwischen, wollten ihn vor seinen Freunden lächerlich machen.
Als sich der Mann näherte — zwischen elf und zwölf Uhr nachts, zu dem Zeitpunkt, als die Geräusche im Café verstummten und die Nacht die Welt umhüllte — sprangen die Jungen hervor. Einer von ihnen positionierte sich hinter der Statue und flüsterte durch den Stein hindurch, seine Stimme verborgen.
Der Mann kam näher, sein Herz ruhig, seine Füße vertraut auf dem Friedhofsweg. Wie immer grüßte er: “Guten Abend, Herr der Liebe.” Doch was geschah, war nicht das, was er erwartet hatte. Aus der Dunkelheit erklang eine Stimme — eine grauenhafte, spöttische Stimme: “Guten Abend, Trunkenbold!”
Der Mann erschrak so sehr, dass er fast auf der Stelle zusammenbrach. Sein Blut wurde eiskalt. Sein Herz hämmerte wie ein Hammer gegen seine Rippen. Ohne etwas zu sagen, rannte er nach Hause, seine Füße wild über das Pflaster stampfend, sein Atem in kurzen, panischen Stößen.
3 Der Fluch und das Ende
Vor Angst krank kroch der Mann ins Bett und konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht lag er schweißgebadet da, sein Geist plagend ihn mit dem Gedanken, dass Herr der Liebe selbst zu ihm gesprochen hatte, dass er vielleicht verflucht war. Erst am Ende des nächsten Tages, nach vielem Drängen seiner Frau, erzählte er ihr, was geschehen war.
Am nächsten Tag besuchten ihn seine jüngeren Freunde. “Ich war es!” sagten sie lachend. “Ich bin es, der dich betrogen hat. Es war nur ein Witz, nichts anderes!” Sie betrachteten es als einen großen Witz, einen Triumph ihrer List. Aber der Mann — der Mann konnte es nicht akzeptieren. Tief in seiner Seele spürte er, dass etwas Größeres am Werk war.
Er versuchte ihnen zu erklären, dass Spott mit dem Heiligen nicht gut enden konnte, dass jeder Mensch, der das Heilige verhöhnt, schwere Bußgelder zahlen muss. Aber sie lachten ihn aus. “Es war nur ein Witz, Alter!” sagten sie. “Du bist sowieso nur ein Trunkenbold.”
Der Mann aber spürte, dass das Böse bereits gesät worden war. Wochen vergingen. Der Mann wurde immer schwächer, immer kränker. Er konnte nicht essen, er konnte nicht schlafen. Die Angst fraß an seiner Seele. Kurz gesagt, nicht lange danach starb er — nicht an Krankheit, nicht an Verletzung, sondern an Schrecken und Verzweiflung.
Die beiden Jungen — seine angeblichen Freunde — lebten noch viele Jahre weiter, ohne Reue in ihren Herzen. Aber in Ostende wussten die Älteren es besser. Sie wussten, dass Spott mit dem Heiligen immer bestraft wird, dass die Götter — oder Gott selbst — keine Witze tolerieren. Die Geschichte des Mannes und der Statue wurde erzählt und weitergegeben, von Eltern auf Kinder, als Warnung vor Respektlosigkeit.
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