Das treue Britzen
Im Fläming, dort wo die Nieplitz aus dem Waldboden quillt, liegt eine kleine Stadt mit ovalem Grundriss und zwei mächtigen Kirchen, Sankt Marien und Sankt Nikolai. Einst hiess sie schlicht Britzen. Dann, im Sommer 1348, zog ein alter Pilger durch die Mark Brandenburg und gab sich für den längst begrabenen Markgrafen Woldemar aus. Stadt um Stadt fiel ihm zu, ganze Landstriche huldigten ihm. Nur Britzen hielt seine Tore geschlossen und blieb dem angestammten Landesherrn treu. Seither trägt es den Namen Treuenbrietzen, die treue Britzen, und die Treue steht bis heute in seinem Namen geschrieben.
1 Die Stadt am Handelskreuz
Treuenbrietzen ging aus einer Burg der Askanier hervor, die 1208 zum ersten Mal bezeugt ist und auf einem älteren slawischen Burgwall stand. Um sie herum wuchs ein Marktflecken am Kreuzungspunkt zweier alter Handelswege: der eine führte von Berlin nach Leipzig, der andere, vielleicht noch wichtigere, von Magdeburg über Jüterbog nach Osten und Südosten. 1290 wird der Ort als civitas genannt, und um 1300 lag er sicher hinter einer Mauer. Zwischen 1296 und 1305 errichteten Mönche des nahen Klosters Zinna diese Stadtmauer mit ihren drei Toren, und sie taten es im Tausch gegen Wasser- und Mühlenrechte.
So entstand der ovale Grundriss mit dem gleichmässigen Raster der Strassen, den die Stadt bis heute bewahrt hat. Zwei Kirchen ragten über die niedrigen Häuser: die Pfarrkirche Sankt Marien, vor 1217 gegründet und als kreuzförmige Basilika aus Feldstein und Backstein erbaut, und Sankt Nikolai, eine Gewölbebasilika mit einem mächtigen Vierungsturm. Wer diese festen Mauern und schweren Tore vor Augen hat, begreift, warum die Bürger es später wagen konnten, einem beinahe allmächtigen Herrn die Einfahrt zu verweigern.
2 Der Pilger, der ein Markgraf sein wollte
1319 war Markgraf Woldemar gestorben, der letzte bedeutende Askanier in Brandenburg, und man hatte ihn feierlich zu Grabe getragen. Vier Jahre später verlieh König Ludwig der Bayer die herrenlos gewordene Mark seinem eigenen Sohn, und so gelangte sie an das Haus der Wittelsbacher. Doch im Sommer 1348 trat vor dem Erzbischof Otto von Magdeburg ein alter Mann auf und behauptete, er sei jener totgeglaubte Woldemar. Sein Begräbnis vor neunundzwanzig Jahren sei nur gestellt gewesen; in Wahrheit habe er die langen Jahre auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land verbracht.
Die Fürsten, die den Wittelsbachern die Mark neideten, griffen den Fremden begierig auf und feierten ihn als den heimgekehrten Landesherrn. Binnen weniger Wochen huldigten ihm grosse Teile Brandenburgs, und selbst Kaiser Karl der Vierte belehnte den vermeintlichen Askanier am zweiten Oktober 1348 mit der Mark, um damit seine Gegner zu schwächen. Wer der Mann in Wahrheit war, wusste niemand mit Sicherheit. Man nannte ihn einen Müllergesellen namens Jakob Rehbock, doch seine wahre Herkunft ist bis heute ungeklärt geblieben.
3 Die Treue der Britzener
Während fast die ganze Mark dem falschen Woldemar zujubelte, blieben die Bürger von Britzen bei dem Eid, den sie ihrem Fürsten geschworen hatten. Sie hielten den Pilger für einen Betrüger und ihre Tore dem angestammten Herrn verschlossen. Das war kein bequemer Trotz, denn ein Herrscher, der beinahe das ganze Land hinter sich wusste, vergisst eine solche Weigerung nicht leicht, und eine kleine Stadt konnte teuer dafür bezahlen. Doch Britzen wich nicht von seiner Treue.
Im Februar 1350 wurde der Pilger förmlich zum Betrüger erklärt. Kaiser Karl versöhnte sich mit den Wittelsbachern, belehnte den rechtmässigen Fürsten aufs Neue und verkündete im Frühjahr, Woldemar sei nicht der wahre Markgraf. Der Betrüger zog sich an den Hof von Anhalt-Dessau zurück, wo man ihn bis zu seinem Tod um 1356 dennoch mit allen höfischen Ehren behandelte. Britzen aber hatte seine Treue bewiesen. Aus der Anrede an die treuen Bürger von Britzen erwuchs der Beiname, und aus Britzen wurde Treuenbrietzen. Noch heute steht der alte Stadtkern mit seinen Mauerresten und Türmen fast geschlossen da, ein steinernes Gedächtnis an das Jahr, in dem eine kleine Stadt allein blieb und gerade dadurch ihren Namen für immer gewann.
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