Der Fall der Burg Heringen
Auf einem der Felsen, die das Müllerthal umgürten, oberhalb von Waldbillig, liegen noch einige Spuren der Burg Heringen. Über den Untergang dieser Burg gibt es zwei Erzählungen. Sie widersprechen einander, und die Gegend hat beide bewahrt.
1 Der wilde Ritter und seine Tochter
In der ersten Fassung haust auf der Burg ein wilder Ritter, Veit, der Schrecken der ganzen Gegend. Mit allen Nachbarn liegt er in beständiger Fehde und schreckt vor keinem Mittel zurück. Seine Tochter Adelinde ist ganz das Gegenteil, und seine rohe Sinnesart bereitet ihr manchen Kummer.
Als Veit einst von einem Streifzug zurückkehrt, trifft er auf Ritter Klaus von Mersch, der dem Weidwerk obliegt. Eine so günstige Gelegenheit lässt er nicht vorübergehen: er bemächtigt sich seiner und schleppt ihn gefangen nach Heringen. Monatelang bringt der junge Ritter in harter Gefangenschaft hin, bis seine Not der mitleidsvollen Adelinde zu Herzen geht. In einer dunklen Nacht schleicht sie zum Burgverließ hinunter und löst des Gefangenen Ketten.
2 Der Brand
Unten im Tal fässt ihn eine starke Hand: es ist sein eigener Knappe. Klaus erfährt, dass die Herren von Ansemburg, Fels, Meisemburg und Folkendingen sich verbunden und Heringen so umlegt haben, dass keine Maus aus dem Räuberneste entkommen kann. Mit dem anbrechenden Morgen werde die Burg erstürmt und in Brand gesteckt.
So geschieht es. Bald lodert die Flamme aus der eroberten Burg empor. Umsonst kämpft der Heringer wie ein Löwe. Klaus rettet ihm das Leben und stürzt dann hinunter zum Burgverließ, um die edle Adelinde, die statt seiner dort in Ketten liegt, dem Flammentode zu entreißen. Drei Jahre später sind Klaus und Adelinde ein glückliches Ehepaar, und eines Abends langt im Merscher Schlosse ein Greis in fremder Tracht an: es ist Veit, der zum heiligen Grabe gepilgert war und als umgewandelter Mensch zurückkehrt.
3 Die Hufeisen und der Stein
Die zweite Fassung kennt keine Adelinde. Dort sitzen auf Heringen Tempelherren, die die Gegend durch ihre Streifzüge unsicher machen, die Reisenden überfallen und das arme Landvolk hart bedrücken. Die Nachbarburgen wollen sie fassen und es gelingt nicht, denn die Räuber haben ihren Pferden die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen. Meint man, sie seien ausgeritten, so sitzen sie sicher hinter ihren Mauern.
Ein Mann aus dem benachbarten Befort liest die frische Hufspur im Sande und schließt, die Burg sei leer. Er geht darauf zu. Die Räuber kommen heraus und wollen ihn umbringen, damit er sie nicht verrate. Auf sein flehentliches Bitten lassen sie ihn frei, unter der Bedingung, dass er sich durch Eidschwur verpflichte, ihr Geheimnis nie einem Menschen zu verraten.
Er hält seinen Eid. Am darauffolgenden Sonntag, als das Hochamt beendigt ist und die Leute die Kirche verlassen, stellt er sich vor einen Grabstein neben das Kirchtor und gebärdet sich so, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dann ruft er laut, gegen den Stein gewendet: Dir, o Stein, sag ichs allein, die Heringer sind heim; wenn man meint, sie seien ein, so sind sie aus, meint man aber, sie seien aus, so sind sie ein; sie haben ihre Pferde das Hintere vorn beschlagen. Keinem Menschen gesagt. Sofort rotten sich die Bauern mehrerer Nachbardörfer zusammen, bewaffnen sich mit Heugabeln und Sensen und erstürmen das Schloss.
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