Das Schierener Bräutchen
Unterhalb Mörsdorf, in der Gemeinde Rosport-Mompach, dehnen sich die Schierener Wiese und der Kahlenberg an der Sauer aus. Man achte auf den Namen: die Wiese heißt Schieren, hat aber mit dem Dorf Schieren bei Ettelbrück nichts zu tun. Mehrere Nachschlagewerke heften die Sage versehentlich an jenes Dorf. Sie gehört hierher, ans Wasser zwischen Mörsdorf und Wasserbillig.
1 Das Schiff, das sank
Unterhalb Mörsdorf an der Sauer dehnen sich die Schierener Wiese und der Kahlenberg aus, zwischen denen ein Bächlein fließt. Der Kahlenberg ist eine schaurige Gegend; aus kahlen Felsenmassen, die sich zur Seite der hart an ihnen vorbeifließenden Sauer hinziehen, erhebt sich ein dichter Buchenwald. Bei hohem Wasserstande brechen sich an diesem Gestein die schäumenden Wogen mit lautem Getöse.
An dieser Stelle sollte einst eine Prinzessin mit ihrem Bräutigam über die Sauer schiffen, die damals hoch angeschwollen war. Schon unweit des Ufers wurde das mit Schätzen reich beladene Schifflein vom Wasserschwall ergriffen, gleich einer Nußschale von Wind und Wogen umhergetrieben und versank dann in den Tiefen des Flusses.
Die Sage erzählt, dies sei eine Strafe Gottes gewesen; denn die Prinzessin habe während der Fahrt weder an Gott noch an ihren Gemahl gedacht, sondern ihr Auge an dem Glanze des Goldes geweidet, und in ihrem Herzen sei schon längst ein Plan der Untreue gereift. Jetzt nun, am Tage ihrer Verlobung, habe die Strafe sie ereilt.
2 Drei Orte, drei Gestalten
Von dieser Zeit an muß sie ewig in den Felsen, auf der Wiese und auf der Sauer als Geist umgehen.
In den Felsen erscheint sie gewöhnlich in finsterer Nacht um die Geisterstunde, in einer feuerroten Kutsche sitzend; sie hält in ihren Händen die Zügel, mit denen sie ihre rabenschwarzen Rosse lenkt. Unter Seufzen und Wehklagen eilt sie dahin, zuweilen einen Klageruf ausstoßend so schaurig, daß der Wald davon wiederhallt und den verspäteten Wanderer kaltes Grausen befällt.
In der Wiese geht sie als Braut um im langen, glänzenden Schleier. Sie belauscht die Wanderer und sucht nach ihrem Gemahl; deshalb tritt sie auch in all ihrer Schönheit auf.
Auf der Sauer haben die Fischer die Braut gesehen, wie sie ihre Haare kämmte und ihre Kleider wusch; um Mitternacht vernahmen sie oft ein Gepolter, als wäre die ganze Sauer im Aufruhr; dann, heißt es, sucht das Schierener Bräutchen nach dem Schiffchen und ihren Schätzen.
Einst kehrten fromme Pilger, die nach Echternach zur Springprozession waren, in stiller Nacht auf ihrem Schifflein nach Wasserbillig zurück. Als sie unterhalb Mörsdorf am Orte Schieren vorbeikamen, gewahrten sie plötzlich im Mondschein auf der Schierener Wiese eine große, hehre Gestalt in blendend weißem Gewände, die ihre lang herabwallenden Locken eben geordnet hatte. Einer der Pilger erkühnte sich, der Gestalt zuzurufen, sie möchte ins Schifflein kommen. Und sieh, da trat sie ans Ufer und schien auf der Oberfläche des Wassers zu wandeln. So folgte sie lange lautlos den Pilgern. Jener wollte den Kahn dem Ufer zulenken, aber die übrigen verwehrten es ihm und meinten, er möchte lieber zu der Gestalt ans Ufer schwimmen. Jener schwieg nun; aber da erhob sich ein Brausen und Getöse in der Sauer, daß die Pilger ängstlich zu beten anfingen. Immer noch schwebte die Gestalt mit dem Schifflein dahin bis in die Gegend von Langsur. Dort wendete sie sich, wandelte die Weinberge hinauf, schlug einen herrlichen, hellen Kranz und war den Augen der Schiffenden entschwunden.
3 Dreimal nach Girst
In letzter Zeit soll das Schierener Bräutchen durch einen jungen Mann aus dem Preußischen erlöst worden sein. Derselbe kam von Wasserbillig nach Mompach und die umliegenden Ortschaften, um sich einen Dienst zu suchen.
Ehe er auf den Heerendriesch kam, mußte er an einem mächtigen Eichbaum vorbei, unter dem die Feldarbeiter oft ihre Mittagsruhe hielten. Unter demselben sah er eine liebliche Jungfrau sitzen, die ein zierliches Körbchen bei sich stehen hatte. Er grüßte sie, doch sie dankte ihm nicht. Nun fragte er sie, ob sie nicht mit ihm gehen wolle. Es erfolgte wieder keine Antwort. Er vermutete, auch sie gehe einen Dienst suchen, und sprach: wenn Sie nach einem Dienst suchen, so kommen Sie mit mir, denn auch ich bin deshalb auf der Wanderschaft. Als er auch diesmal keine Antwort erhielt, sprach er: wenn Sie nicht antworten wollen, so will ich meiner Wege gehen. Und er schickte sich an zu gehen.
Aber sieh, die Jungfrau erhebt sich und geht mit ihm bis auf den Heerendriesch. Dort wendet sich der Jüngling noch einmal um und fragt nach ihrem Begehren. Dreimal nach Girst und einmal nach Klausen und eine Messe zu Girst, war die Antwort, da war sie verschwunden.
Und nun erkannte der junge Mann, daß es eine arme Seele sei, die der Erlösung harre. Er richtete den Auftrag aus, ging dreimal nach Girst und einmal nach Klausen, ließ auch eine heilige Messe in Girst lesen und wohnte derselben bei. Während der heiligen Messe soll hinter dem Altare eine weiße Taube auf und gen Himmel geflogen sein. Das war das Zeichen, daß das Schierener Bräutchen erlöst sei.
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